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Kurt Vile (Credit Mauricio Quiñones/MusikBlog)
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Kurt Vile (Credit Mauricio Quiñones/MusikBlog)
Kurt Vile (Credit Mauricio Quiñones/MusikBlog)

Kurt Vile And The Violators – Live im Postbahnhof, Berlin

Der vielsagendste Moment der gestrigen ausverkauften und gefeierten Kurt Vile-Show in Berlin dauerte nur drei Sekunden. Vile, der chillaxte Dude mit den schönen langen Loden, der live Ansagen und Kommentare ins Mic nuschelt als sei er dauerbekifft, was er nicht ist, der beim Gitarrenwechsel unsouverän und ineffizient an Kabeln, Picks und sonst was rumnestelt, dieser Vile, der schon seit einer dreiviertel Stunde auf E-Gitarren, Banjos und Akustikgitarren ein Feuerwerk des grandiosen Lo-Fi-Folk-Rock abrennt, bekommt zwischen zwei Songs zum x-ten Mal von seinem Roadie die nächste Klampfe überreicht, und in diesen drei Sekunden zwischen Abgabe einer Akustik- und Übernahme einer E-Gitarre, hat Vile nichts besseres zu tun als wie manisch an einem imaginären Sechssaiter mit den Händen in der Luft feinstes Fingerpicking und Akkordgegreife zu performen. Keine plumpe Luftgitarre, wie unsereins. Elaborierteste Gitarrenpantomime. Völlig im flow, voll in the zone. In einer der wenigen Sekunden, in denen er mal keine Gitarre umhängen hat.

Kurt Vile lebt seinen Trick, um es mit dem Film „Prestige“ zu sagen. Kurt Vile ist manisch, süchtig – und zwar hochgradig. Danach, mit seinen Händen Gitarren Töne zu entlocken. Was für eine schöne Story, dass er es mit dieser Sucht geschafft hat, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und eine Familie zu gründen. Vile ist Mitte dreißig, verheiratet und hat zwei kleine Töchter.

Seit „Smoke Ring For My Halo“ von 2011, pfeifen es die Experten-Spatzen von den Dächern, seit „Wakin On A Pretty Daze“, vor zwei Jahren, die etablierten Musikmagazine, und seit dem diesjährigen „b’lieve I’m going down…“ das Feuilleton: Kurt Vile ist das inkommensurabel Beste, das der Folk-Rock derzeit zu bieten hat; Kurt Vile ist ein Erneuerer des Rock.

Gestern im Postbahnhof ging es nicht um große Posen, um schmeichelnde Worte, um Lobpreisungen, was für eine großartige Stadt Berlin doch sei oder was für ein einmaliges Publikum. Gestern ging es darum, dem ehemaligen Gründungsmitglied der War On Drugs und seiner Live-Band bei der ausschnittsweisen Darbietung seiner inzwischen sechs Soloalben zu lauschen. Mehr nicht. Und wie das den Laden glücklich gemacht hat.

Dabei ist gerade sein aktuelles Werk wieder sehr melancholisch geworden. Nachtmusik. Somnambule Begegnung mit sich selbst. Gerade der regelmäßige Griff zur Akustikklampfe und Viles reduzierte Interpretationen ohne Band erinnerten doch wieder und wieder daran, dass Musik oft in erster Linie selbsttherapeutische Verarbeitungsmaßnahme ist. Vor Nöten und Ängsten, die wir alle kennen, mit deren Bewältigung wir uns identifizieren können, die wir alle in uns haben. Auch wenn man nicht so schöne lange Loden hat.

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