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Jeder ist eingeladen, bei mir Tiefgang zu entdecken – Alligatoah im Interview

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Wir hoffen, ihr hattet schöne Weihnachten oder was auch sonst ihr so feiert und habt erholsame Feiertage. In dieser besinnlichen Zeit tut es gut, auch mal so seinen Lebensstil und die Welt in ihrem derzeitigen Zustand zu reflektieren. Dabei kann Alligatoah eine ganz gute Hilfe sein, mit seinem ironischen Titel „Denk an die Kinder“ und mit folgendem Interview.

Lukas Strobl war kaum dem Teenageralter entwachsen als er sich unterm Projektnamen Alligatoah auf den Olymp deutschsprachigen Raps schwang. Sein aberwitziger Mix aus gansteraffinem Hip-Pop und theatralischem Maximalmashup zu durchgedrehten Bühnenshows erobern seither das Netz ebenso wie die ganz großen Hallen. Sein drittes Album „Triebwerke“ katapultierte er vor drei Jahren gar an die Spitze der Verkaufscharts. Jetzt kletterte der Nachfolger „Musik ist keine Lösung“ immerhin auf Platz 3. Ein Gespräch mit dem 26-jährigen Wahlberliner von der Nordseeküste über die Grenzen zum Klamauk, Do-It-Myself-Sound und wie er Rammstein-Sänger Till Lindemann Respekt zollt.

MusikBlog: Lukas, ist das neue Album und deine Musik im Allgemeinen eigentlich ernst gemeint oder doch durchweg geballte Ironie?

Lukas: Als Stilmittel findet Ironie bei mir zwar Verwendung; da ich das Ganze jedoch aus einem schauspielerischen Blickwinkel betrachte und in meinen Songs nicht aus mir selbst rede, sondern einem lyrischen Ich, das mit mir als Privatperson wenig zu tun hat, nutze ich damit die Möglichkeit, mich in extreme Figuren mit extremen Ansichten hineinzuversetzen. Das reicht vom Terroristen über Umweltverschmutzer bis hin zu furchtbaren Rassisten und ist zugleich ernst und satirisch.

MusikBlog: Aber drückst du dich durch diese Art Verkleidung nicht ein wenig davor, selbst Position zu beziehen und delegierst die Meinungsbildung zu dem, was du tust, an andere?

Lukas: Ich sträube mich jedenfalls nicht dagegen, wenn man mir vorhält, offene Meinungsäußerung zu vermeiden oder abstrahieren. Was allerdings auch damit zu tun hat, dass viele Musiker ihre Ansichten ungefragt im Publikum verbreiten, so wie ja auch die sozialen Netzwerke individuelle Ansichten zu allem und jedem herausposaunen. So sehr ich die Möglichkeit schätze, das zu dürfen, wollte ich da einfach nicht mitmachen und betrachte mich gewissermaßen als einen Darsteller selbst von außen.

MusikBlog: Funktioniert der theatralische Ansatz dieser Persönlichkeitsspaltung auch ohne dazugehörige Bühnenshow oder ist das nicht ein zutiefst visueller Ansatz, der sich auf Platte womöglich nur unzureichend vermitteln lässt?

Lukas: Da bin ich mir sehr sicher. Als ich angefangen habe, gab es nur Texte und Lieder ohne Bühnenshows. Meine Kunst besteht seit 2006, als ich mit dem Projekt Alligatoah begonnen habe, also darin, trotzdem klarzumachen, dass durch mich keine realen, sondern Kunstfiguren sprechen. Seither hat sich meine Zuhörerschaft dran gewöhnt und weiß den satirischen Anteil gut einzuschätzen.

MusikBlog: Ein Lied wie „Denk an die Kinder“ deuten sie demnach nicht als Klamauk, sondern erkennen darin irgendeine Form sozialer Kritik?

Lukas: Ich denke schon. Mit Kindern werden praktisch alle gesellschaftlichen Debatten emotionalisiert. Das liegt dem Lied schon zugrunde, schließt aber überhaupt nicht aus, dass ich gern mit ganz simplen Unterhaltungsmechanismen arbeite. Das darf dann gern mal gänzlich ironiefreier Klamauk sein. Jeder ist eingeladen, bei mir Tiefgang zu entdecken oder nicht.

MusikBlog: Lässt sich „Musik ist keine Lösung“ somit als Statement hören und sehen, dass man dieser durchgeknallten Zeit nur mit größtmöglichem Aberwitz begegnen kann?

Lukas: Das „nur“ würde ich durch „auch“ ersetzen, weil niemand zu einer bestimmten Sicht meiner Musik gezwungen ist. Aber sie lädt in der Tat dazu ein, diese durchgeknallte Zeit humorvoll ernst zu nehmen; um Fanatiker zu entlarven, kann man sie demnach durch Überspitzung verständlicher oder noch absurder machen.

MusikBlog: Im Sinne von Garfield: Wenn du deine Gegner nicht besiegen kannst, verwirr sie!

Lukas: Oh, dass das von Garfield ist, wusste ich gar nicht. Das merke ich mir, passt ganz gut zu dem, was ich mache.

MusikBlog: Wenn man dem, was du machst, ein Etikett verpassen möchte, welches würdest du empfehlen?

Lukas: Ach, manchmal jongliere ich mit ein paar Begriffen, um die Kategorisierung zu erleichtern, verwerfe sie aber schnell wieder, weil ich mit jedem neuen Lied versuche, die frisch geschlossene Schublade von gestern wieder aufzubrechen. Ich bezeichne meinen gesprochen rhythmischen Singsang wechselnder Figuren manchmal als Schauspiel-Rap.

MusikBlog: Musikalisch begleitet von Maximal-Mash-up. Bist du Kollagen-Künstler?

Lukas: Ja, durchaus. Auch als Übersteigerung dessen, wie viele Künstler Vorhandenes dahingehend wiederkäuen, dass ein Sechzigerjahre-Rockremix dann eben durchgängig nach Sechzigerjahre-Rock zu klingen hat. Ich hingegen suche mir zur Sechzigerjahre-Gitarre lieber ein Dreißigerjahre-Jazzschlagzeug und Nullerjahre-Hip-Hop. Darin steckt die Suche nach etwas Neuem, das heutzutage praktisch nur noch durch neue Kombination des Alten erreichbar ist.

MusikBlog: Und wenn du dann in „Denk an die Kinder“ eine Strophe von Grönemeyer sampelst – ist das eine Respektsbekundung oder despektierliches Verhackstücken?

Lukas: Weder noch, allein weil es kein Sample ist, sondern eine Stimmimitation – schon aus rechtlichen Gründen. Ich versuche mich gern mal an dieser Art Parodie, früher eher bei Rappern, jetzt auch bei anderen. Das hängt auch damit zusammen, wen ich überhaupt nachmachen kann. Darunter sind welche, von denen ich kaum was weiß, aber auch solche, die ich ungemein schätze, Till Lindemann zum Beispiel.

MusikBlog: Rammstein, interessant.

Lukas: Oder Helge Schneider. Denen zolle ich damit schon Respekt.

MusikBlog: Die zugehörigen Videos sind ebenso von und mit dir wie Musik und Texte.

Lukas: Gut, ich arbeite natürlich nicht allein, aber konzipiere sie schon selber.

MusikBlog: Diese Arbeitsweise, alle Fäden in der Hand zu haben, könnte man Do It Myself nennen. Weil du dich von Abhängigkeiten befreien willst oder weil du das alles einfach am besten kannst?

Lukas: Ich wette, dass viele das meiste von dem, was ich tue, sogar besser können. Ich bin ja zum Beispiel alles andere als ein perfekter Gitarrist. So normal, wie maximale Arbeitsteilung im Pop generell ist, so normal ist es dennoch für mich, mich als Alligatoah selbstbestimmt auszudrücken. Das ist ein Gesamtkunstwerk von einem Künstler, der nun mal ich ist. Warum sollte ich etwas abgeben, was ich selber machen möchte?

MusikBlog: Hast du je erwartet, damit mal große Hallen füllen und zwei Top-3-Alben nacheinander machen zu können oder war deine Perspektive mal eine solide Club-Karriere?

Lukas: Zu Beginn hab nicht mal im Traum an so ein großes Publikum gedacht, zumal ich gar nicht auf Bühnen wollte, sondern die Anonymität des Internets genießen. Dennoch braucht man als Künstler Publikum und wenn es wächst, wird es schnell zum Bedürfnis. Aber so sehr mich beeindruckt, welche Ausmaße es mittlerweile angenommen hat, wäre ich keinesfalls traurig, wenn die Aufmerksamkeit wieder abnähme. Ich würde dann noch immer das Gleiche machen, nur vor weniger Leuten.

MusikBlog: Von Geld sagt man, es mache nicht satt, sondern hungrig. Ist das mit Aufmerksamkeit und Fans nicht ähnlich?

Lukas: Dafür geht es mir zu sehr um die Sache. Trotzdem ist es toll, wenn viele sehen wollen, was ich mache. Das empfinde ich als großes Kompliment. Aber wenn es mir um Quantität ginge, würde ich etwas anderes machen als Alligatoah – seichter, verständlicher. Ich bleibe bei meinen Grundsätzen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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