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Stereo Total (Credit Sim Gil)

Stereo Total – Les Hormones – Kein Hormonstau

Für eine Auszeit von Hörgewohnheiten sind seit mehr als 20 Jahren Stereo Total die richtige Adresse. Die Low-Budget Helden werfen beständig alles über den Haufen, was es beim Musikmachen an Regeln über den Haufen zu werfen gibt. Dabei produzieren Frau Cactus und Herr Brezel keineswegs Material für die Vintage-Thrash Schublade, sondern entwerfen mit jedem neuen Album einen klingenden Gegenentwurf zum Zeitgeist.

Auch bei ihrem neuesten, auf einem 4-Spur-Kassetten-Rekorder aufgenommenen, Streich „Les Hormones“ ließen sie den Toningenieur beim Abmischen mit mehr Rätseln als Lösungen zurück.

Vierzehn konventionslose Perlen fanden sich für diese Runde, es wird außer auf Deutsch, Französisch und Englisch sowie auch auf Japanisch gesungen und damit der globale Siegeszug der Kosmopoliten sprachlich erleichtert. Wie immer wird dabei alles verwurstet, was jemals Thema in der Popkultur war, das Ganze wird mit der gewohnten Liebe zum Lo-Fi Detail arrangiert.

Stereo Total klingen dabei in erster Linie wie sie selbst. Mal verspielt, mal chaotisch, immer originell und nach Vergrößerung ihres ohnehin schon beachtlichen Hitrepertoires. Gleich am Anfang schwingt sich „Zu Schön Für Dich“ mit seinen textlichen Raffinessen („Pampelmusen-Busen“) zur Eurovisions-Hymne auf, entwickelt das folgende Duett „Fleur De Hollande“ eine blumige Story im Bonnie und Clyde Gewand.

„Asonderu“ verbreitet den Charme einer Atari-Konsole aus den Achtzigern, zu dem die Monster der frühen japanischen B-Movies kräftig twisten. Auf das Schönheitsideal pfeift „Doktor Kaktus“ mit noch dezentem Surf-Sound, der dann auch „Niwa Dewa“ kräftig nach vorn treibt.

Da die Platte Hormone im Namen trägt: einen diesbezüglichen Stau gab es bei den beiden nie, ihr „Liebe Zu Dritt“ oder „Schön Von Hinten“ sind All-time Favs subtil-frivolen Liedguts. Das Thema klingt aus dem Munde der Protagonisten nie platt, dazu sind die beiden viel zu klug und belesen, der Blick auf die Triebe wird eher als gesungene Burlesque-Show präsentiert.

Diesmal gibt es den lasziven Besuch im plüschigen „Hotel Labelu“ oder die Sprechstunde bei „Docteur Love“. In diesem, als Plastic Bertrand goes Chanson verpackten, Stück erfolgt der Vortrag von Françoise Cactus auf Französisch. Dabei läuft das Kopfkino des Hörers genauso amüsant an wie bei ihren charmanten Akzent, der das (dominante) Spiel der Liebe im blechtrommelnden „Halt Deine Kerze Gerade“ auf Deutsch besingt.

Das, was 1993 mit ihrem Aufeinandertreffen in einer Berliner Bäckerei begann, hat inzwischen viele Musiker künstlerisch überlebt. Eigentlich unglaublich, wie es das Duo schaffte, mit ihrer Kunst dem Underground treu zu bleiben. „Les Hormons“ ist ein weiterer Beitrag zur (ungewollten) Legendenbildung.

Apropros Legenden: berühmt sind auch ihre Live-Performances. Ein Konzert auf der Tour zum Album sollte man, wenn möglich, fest einplanen.

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