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Sophia (Credit Philip Lethen)

So muss man Songs schreiben – Sophia im Interview

Auf seinem letzten Album „There Are No Goodbyes“ schilderte Robin Proper-Sheppard mit brutaler Aufrichtigkeit das Ende einer Beziehung, ließ aber zumindest einen schmalen Silberstreifen der Hoffnung am Horizont. Denn das Album endete mit dem schwelgerischen Song „Portugal“ über den Wunsch, sein altes Leben hinter sich zu lassen und noch einmal neu zu beginnen: „I decided today I’m gonna be a better person.“ Sieben Jahre später sind Sophia zurück und erzählen mit „As We Make Our Way (Unknown Harbours)“ von diesem Aufbruch und der anschließenden Suche. Im Gespräch erzählt uns der Singer/Songwriter, warum diese Reise wohl nie enden wird, weshalb das aber gar nicht so schlimm ist und wie das Scheitern dieser Suche dennoch zu dem positivsten Album in der Geschichte von Sophia geführt hat.

MusikBlog: Dein letztes Album „There Are No Goodbyes“ erschien vor sieben Jahren. Warum hast du dir für den Nachfolger „As We Make Our Way (Unknown Harbours)“ so viel Zeit gelassen?

Robin Proper-Sheppard: Bisher handelte jedes Sophia-Album von einer Beziehung, „Fixed Water“, „The Infinite Circle“ und „People Are Like Season“ drehen sich alle um eine große Liebe, die ich hatte und die dann zerbrach. Nach „There Are No Goodbyes“ wollte ich auf keinen Fall eine weitere solche Beziehung eingehen. Vielleicht nicht nie wieder, aber keinesfalls in den nächsten Jahren. Ohne diese große schwarze Regenwolke einer gescheiterten Beziehung über meinem Kopf musste ich erst mal andere Gründe finden, um dieses Album zu schreiben. Ich hätte auch schon vor fünf Jahren ein Album aufnehmen können, die Musik dafür hatte ich. Aber es wäre kein Sophia-Album geworden, zumindest keines, wie es die Fans von mir erwarten. Einige Songs des neuen Albums stammen sogar noch aus der Zeit von „There Are No Goodbyes“, fühlten sich damals aber nicht richtig an oder passten nicht in das Konzept des Albums.

MusikBlog: Über dein letztes Album hast du einmal gesagt, dass du die Songs zum ersten Mal in sehr kurzem zeitlichem Abstand zu den Ereignissen geschrieben hast, die du darin besingst. Hast du für „As We Make Our Way (Unknown Harbours)“ erneut diese sehr unmittelbare Art zu Schreiben gewählt?

Robin Proper-Sheppard: Absolut, „California“ habe ich beispielsweise letztes Jahr geschrieben, während ich dort war. Und „Baby, Hold On“ entstand erst an einem der letzten Tage im Studio. Tatsächlich musste ich deshalb einen anderen Song aus dem Album streichen. Es waren also erneut Dinge, die zu dieser Zeit in meinem Leben und um mich herum passierten.

MusikBlog: Der Albumtitel, aber auch Songs wie „Blame“, „Don’t Ask“ und vor allem „The Drifter“ handeln vom Reisen und Umherirren. Hast du die Zeit seit deinem letzten Album als Suchender verbracht?

Robin Proper-Sheppard: Diese Atmosphäre des Aufbruchs wurde durch den Umstand geprägt, dass ich Probleme mit meiner Aufenthaltserlaubnis in England und Europa hatte und deshalb auch im letzten Jahr Europa verlassen musste. Mir wurde mitgeteilt, dass ich innerhalb von sieben Tagen in die USA zurückkehren müsse, wo ich seit 15 Jahre nicht mehr gelebt hatte. Plötzlich hatte ich kein festes Zuhause mehr und auch keinen wirklichen Plan, wo es in Zukunft hingehen würde.

Der Plural im Albumtitel deutet außerdem an, dass viele meiner Freunde und Bekannten sich in einer ähnlichen Situation befinden. Sie hatten einen Job, sie hatten eine Familie, sie hatten ein Zuhause und plötzlich verändert sich alles so schnell um sie herum, dass sie nicht mehr länger wissen, was die Zukunft bringen wird. Daher wurde aus „As I Make My Way“ der Titel „As We Make Our Way“, weil mir klar wurde, dass dieses Album womöglich gar nicht ausschließlich von mir handelt.

MusikBlog: Der letzte Song „Portugal“ auf „There Are No Goodbyes“ wünscht sich einen Neuanfang herbei, das anschließende Album handelt nun von der Suche. Startete diese also in gewisser Weise schon mit dem letzten Album?

Robin Proper-Sheppard: So habe ich das bisher noch gar nicht betrachtet, aber das ist eine gute Beobachtung. Zu der Zeit von „There Are No Goodbyes“ gab es tatsächlich die Idee, nach Portugal abzuhauen. Der Song handelt also von einem sehr konkreten Wunsch. Wer weiß, ob ich nicht sogar in Portugal gelandet wäre, wenn ich nicht aus Europa hätte ausreisen müssen. Als Thema taucht der Wunsch nach Veränderung und Aufbruch in „Portugal“ zum ersten Mal auf, der Song nimmt also in gewisser Weise die Stimmung des neuen Albums ein wenig vorweg.

MusikBlog: Der Anker auf dem Album und auch der Hafen im Titel sind ja ein Symbol für Stabilität und Schutz. Hast du einen solchen Zufluchtsort gefunden?

Robin Proper-Sheppard: Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe mich in den 25 Jahren, in denen ich Musik mache, noch nie so heimatlos gefühlt. Andererseits hat mich die Einsicht, dass ich womöglich nie ein solches Ziel finden werde und mein Leben immer eine Reise bleiben wird, auch befreit und ich fühle mich mit dieser Vorstellung mittlerweile wohl.

MusikBlog: Klingt deshalb „As We Make Our Way (Unknown Harbours)“ auch ein wenig optimistischer als deine früheren Alben?

Robin Proper-Sheppard: Ich stimme dir zu, dass es mein positivstes Album bisher ist. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass ich mir keine Sorgen mehr mache, ob ich jemals eine neue Heimat finden werde.

MusikBlog: Für „There Are No Goodbyes“ hast du sehr schlichte Musik geschrieben, die die Texte und ihre Emotionen in den Mittelpunkt rückt. „As We Make Our Way (Unknown Harbours)“ klingt, als hättest du dich dieses Mal stärker auf die Arrangements konzentriert.

Robin Proper-Sheppard: Es gibt eine fantastische BBC-Dokumentation über die Anfänge der Eagles, in der sie viel über Songwriting und Arrangements sprechen. Als ich diese Doku in Los Angeles sah, hat mich das wirklich inspiriert und ich dachte mir: So muss man Songs schreiben! Man darf sich nicht nur hinsetzen und über sein gebrochenes Herz singen, sondern muss sich manchmal auch Gedanken über die Struktur der Songs dahinter machen.

MusikBlog: Nach dem instrumentalen Intro startet das Album mit dem überraschend lauten und energetischen Song „Resisting“, der beinahe an deine Noise-Rock-Band The May Queens erinnert. Wolltest du deine Fans ein wenig überraschen, als du diesen Song als ersten vorab veröffentlicht hast?

Robin Proper-Sheppard: Wenn man sich nach sechs oder sieben Jahren zurückmeldet, ist es ein schönes Gefühl, den Fans etwas präsentieren zu können, womit sie nicht unbedingt gerechnet haben. Und die Reaktion war wirklich überwältigend. Ich erhielt so viele Mails und Nachrichten auf Facebook von Fans, die sich über die neue musikalische Ausrichtung von Sophia freuten. Zur gleichen Zeit erhielt ich aber auch einen Brief von einer Frau aus Hamburg, die schrieb: Robin, es ist fantastisch, dass du zurück bist, aber ich muss gestehen, dass ich „Resisting“ überhaupt nicht mag. (lacht)

MusikBlog: Nach „There Are No Goodbyes“ hast du viele intime Wohnzimmerkonzerte gespielt. Hattest du deshalb jetzt wieder Lust auf rockigere Songs?

Robin Proper-Sheppard: Ich liebe diese Akustikkonzerte und ich glaube, dort liegt auch meine Zukunft als Musiker. Und zwar meine ich nicht Akustikkonzerte in Clubs, sondern wirklich in den Wohnzimmern von Fans mit höchstens 20 bis 25 Zuhörern. Andererseits freue ich mich auch darauf, die Stücke von „As We Make Our Way (Unknown Harbours)“ mit meiner kompletten Band zu interpretieren. Und wenn wir dann die rockigeren Songs live wirklich verdammt laut spielen, genieße ich das total.

MusikBlog: Und ziehst du diese Wohnzimmerkonzerte auch vor, weil der Kontakt zu den Fans viel direkter ist?

Robin Proper-Sheppard: Für mich gibt es nichts besseres, als in einem kleinen Raum Musik für Menschen zu machen, die diese wirklich genießen. Keine PA-Anlage, nur ich mit meiner Akustikgitarre und die Zuschauer. Aber auch das komplette Gegenteil hat seine Vorzüge, wenn man im Club die ganze Kraft der Boxen und Verstärker nutzen kann. Hoffentlich können wir bei dieser Tour die beiden Seiten von Sophia zusammenbringen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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