Musik muss intensiv sein – Phoria im Interview

Vergleiche mit James Blake, Sigur Ros und Radiohead, Schulterklopfer so weit das Auge reicht und eine rasant wachsende Anhängerschaft: Für die britischen Indie-Post-Rock-Popper Phoria kommt es momentan – natürlich im positiven Sinne – knüppeldick. Auf der Insel spricht man gar von DER Entdeckung des Jahres. Dabei sind die Brightoner schon längst keine Branchen-Greenhorns mehr. Wir trafen uns in Berlin mit Sänger, Produzent und Band-Aushängeschild Trewin Howard zum Interview und sprachen über gesundes Wachstum, intensive Sounds und zufriedenstellende Endergebnisse.

MusikBlog: Trewin, eure Heimat liegt euch zu Füßen. Alle sprechen vom Newcomer-Act des Jahres wenn der Name Phoria fällt. Ist den Massen entgangenen, dass ihr bereits drei EPs veröffentlicht habt? Oder was ist da los?

Trewin Howard: Das ist eine gute Frage. Keine Ahnung. Wenn man sich dieser Tage umhört, könnte man wirklich meinen, uns gäbe es erst seit einem halben Jahr. (lacht)

MusikBlog: Ihr musiziert allerdings schon seit über sechs Jahren zusammen.

Trewin Howard: Exakt. Ich meine, wir wollen uns nicht beklagen. Letztlich will man als Musiker auch irgendwann Erfolg haben. Ob das nun schon zu Beginn nach vorne geht, oder sich mit den Jahren erst entwickelt ist eigentlich egal. Wichtig ist nur, dass man seine Ziele irgendwann erreicht. Und wir wollten irgendwann Gehör finden. Nun ist es so weit. Und wir sind happy.

MusikBlog: Glaubst du, die Leute hätten euch eher auf dem Schirm gehabt, wenn ihr statt der EPs gleich mit eurem Debütalbum an den Start gegangen wärt?

Trewin Howard: Ich weiß es nicht. Aber darüber machen wir uns eigentlich auch gar keine Gedanken. Ich glaube, wir sind ganz froh darüber, dass wir uns als Band erst einmal finden konnten. Dieser Entwicklungsprozess ist schon sehr wichtig.

MusikBlog: Demnach habt ihr euch damals bewusst für den EP-Start entschieden?

Trewin Howard: Naja…Wenn alles gepasst hätte, wären wir vielleicht auch mit einem ganzen Album um die Ecke gekommen. Aber wenn man als kleine Band anfängt, greift nur selten sofort ein Rädchen ins Andere. Als Sportler nimmt man ja auch nicht sofort an einer Olympiade teil. Man muss erst einmal trainieren, sich entwickeln und ein Umfeld um sich herum aufbauen, dem man vertrauen kann. In der Musikbranche läuft das nicht anders. Man muss erst mal schnuppern. Wie sieht’s mit den eigenen Fähigkeiten aus? Verfolgen alle das gleiche Ziel? Hat man einen personellen Background am Start, der hinter einem steht? Das sind so grundsätzliche Dinge, ohne die man nicht ins kalte Wasser springen sollte.

MusikBlog: Da nun euer Debütalbum “Volition” veröffentlicht wird, gehe ich mal davon aus, dass mittlerweile alles passt. Ist dem so?

Trewin Howard: Auf jeden Fall. Wir sind bereit.

MusikBlog: Bereit für das Erbe von Hochkarätern wie James Blake, Sigur Ros und Radiohead?

Trewin Howard:  (lacht) Diese Vergleiche kommen nicht von uns. Wir würden uns nie auf eine Stufe mit Künstlern oder Bands stellen, die uns noch meilenweit voraus sind. Radiohead? Hallo? Ich meine, natürlich fühlen wir uns geehrt, wenn unser Name mit solchen Bands in einen Topf geworfen wird. Da schwillt natürlich die Brust an. Aber im Ernst: Wir sind Phoria, eine junge Band, die noch einen Weg vor sich hat. Und den gehen wir auch gerne.

MusikBlog: Es gibt genügend Beispiele von Bands, die nach einem derartigen Hype die Bodenhaftung verloren haben. Diese Gefahr besteht in eurem Fall also nicht?

Trewin Howard: Nein, ganz und gar nicht. Wir wissen, wo wir herkommen. Und wir wissen, wo wir hinwollen. Dazwischen klafft aber noch eine ganz schön große Lücke. Es gibt also gar keinen Grund, groß abzuheben.

MusikBlog: Sehr sympathisch.

Trewin Howard: Das hören wir oft. (lacht)

MusikBlog: Lass uns über eure Musik sprechen, die den besagten Weg vorgibt. „Volition“ klingt wie eine elektronische Rundreise durch nahezu sämtliche Emotionswelten. Es dreht sich alles um Sex, Sterblichkeit, Bedeutungslosigkeit, Moral, Schmerz, Freude, Angst und Dunkelheit. Eine extrem intensive Mixtur, wie ich finde.

Trewin Howard: Musik muss intensiv sein. Wenn ich die Leute erreichen will, muss ich gewillt sein loslassen zu können. All die Gefühle, die sich tagtäglich anstauen brauchen ein Ventil. In meinem Fall ist das die Musik. Nur so kann ich der sein, der ich bin. Ich muss alles rauslassen. Immer. Das steckt in meiner Natur.

MusikBlog: Definiert ihr euch eigentlich als Elektro-Band? Ich frage, weil ich in den letzten Tagen auch viele interessante Unplugged-Clips von euch im Netz gefunden habe.

Trewin Howard: Wir definieren uns gar nicht. Wenn man sich als Band festlegt, landet man irgendwann zwangsläufig in einer Sackgasse. Wir machen, worauf wir Lust haben. Im Studio sind das momentan vorwiegend elektronische Sachen. Aber wir nehmen auch gerne klassische Instrumente zur Hand. Mitunter entstehen unsere Songs auch auf diese Art und Weise. Eine Gitarrenmelodie, ein markanter Basslauf, ein Keyboard-Thema: Wir lassen die Dinge einfach laufen. Und am Ende klingt es dann wie Phoria. Das mag simpel und unspektakulär klingen. Aber so läuft es. Und ich denke, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird.

MusikBlog: Solange am Ende solch beeindruckende Sounds dabei entstehen…

Trewin Howard: Genau. Nur darum geht es. Wichtig ist, was am Ende dabei rumkommt. Und diesbezüglich sind wir bislang sehr zufrieden.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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