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Of Montreal – Innocence Reaches

„Ich habe mich seit Ewigkeiten nicht mehr mit aktueller Musik beschäftigt“, gab Of Montreal-Mastermind Kevin Barnes zur Ankündigung des neuen Albums “Innocence Reaches” seiner Indie-Psychpop-Spinnerbande zu Protokoll. „Ich war in dieser Zeitblase, in der ich die Beatles, die Beach Boys und sinfonische Musik auseinandergeklaubt habe. Aber letztes Jahr habe ich Jack Ü, Chairlift, Arca und anderes entdeckt.“

Wer sich jemals mit Of Montreal und ihrer nunmehr 14 Alben umfassenden Diskographie befasst hat, ahnt: Das könnte kurios werden. „Innocence Reaches“ ist demnach das, was dabei herauskommt, wenn sich ein passionierter Hippie-Nerd mit zeitgenössischem Electropop, EDM und frickliger Elektronik befasst.

Auch ohne Barnes’ freimütige Statusmeldung zu seinem aktuellen Musikgeschmack wäre man darauf recht schnell selbst gekommen: Der Opener „Let’s Relate“ lässt unvermittelt den Drumcomputer hämmern und die Synthesizer pumpen, dazu umhüllt ein flirrender Schleier aus Autotune Barnes’ Stimme.

Vom Formatradio sind Of Montreal natürlich trotzdem weit entfernt – dafür ist ihr Frontmann viel zu sehr Spielkind und seine Vorstellung von Pop viel zu verquer.

Die Single „It’s Different For Girls“ bleibt im elektronischen Fahrwasser, peppt den Sound aber mit Discobeat, Retro-Synths und hemmungslos seltsamen Lyrics auf: „It’s different for girls, they don’t spit on the street, they don’t piss on the seat“. Alles verpackt in ein unschuldig anmutendes Liedchen, das weder vor Shoo-Shoo-Chören, noch vor einem Fade-Out Halt macht.

„A Sport And A Pastime“ könnte ein echter Tanzflächenhit sein, hätte nicht jemand dem Song jeglichen Hall und Kevin Barnes den Enthusiasmus rausgedreht. So klingt das Ganze eher nach einem trüben Selbstgespräch, das immer wieder von harten Breakbeats durchbrochen wird – dabei aber keinesfalls unreizvoll.

Doch „Innocence Reaches“ ist zum Glück keine reine Konzeptplatte über (mehr oder weniger moderne) elektronische Tanzmusik: Der hibbelige Fuzzrock von „Gratuitous Abysses“ hätte auch gut auf dem letzten Of-Montreal-Album „Aureate Gloom“ Platz gefunden – oder im Beatles-Spätwerk.

„Les Chants De Maldoror“ bietet dagegen astreinen Garagenrock mit funkigem Einschlag, der sich später leider etwas in Lärmcollagen und Jam-Session-Flair verliert.

Am spannendsten sind aber sowieso die Hybride, die Barnes zustandebringt, wenn er Einflüsse aus allen Ecken kombiniert: „My Fair Lady“ stellt massige Beats, melodische Basslinien, Synthesizer und meditativ anmutende Flöten einander vor und zieht sie im Refrain zu groovigem Disco-Funk auf die Tanzfläche.

Irgendwo dazwischen tauchen auch noch durchaus schlüssig platzierte Akustikgitarren auf und am Ende versinkt das Ganze in einer Wolke aus Filter- und Echoeffekten, über die ein Saxofon soliert.

Manchmal, wie im schwer zerhackten „Trashed Exes“, treiben Barnes und Co. es zwar ein bisschen zu wild und landen dabei etwas sehr nah am Plastiksound. Aber Experiment heißt eben auch immer Try And Error – und dafür liegt die Erfolgsquote von „Innconce Reaches“ dann doch deutlich im positiven Bereich.

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