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Tiger Lou (Credit Mathias Johansson)

Es ist eine Art Homecoming-Album – Tiger Lou im Interview

2009 verabschiedeten sich Tiger Lou einigermaßen unerwartet von der Bühne in die kreative Pause. Sieben Jahre lang wurden die Prioritäten von Musik- und Privatleben neu sortiert, nun meldet sich die Indierock-Band allen Auflösungsgerüchten zum Trotz mit einem neuen Album zurück. „The Wound Dresser“ wurde in Berlin, Stockholm und Los Angeles geschrieben und aufgenommen und klingt trotz Pause unverkennbar nach Tiger Lou. Wir sprachen mit Mastermind Rasmus Kellerman über Pausenprojekte, Heimatdefinitionen und Musik als Heilerin.

MusikBlog: Wenn du jetzt sieben Jahre zurückschaust – warum hattest du damals das Gefühl, eine Pause einlegen zu müssen?

Rasmus Kellerman: Als wir uns 2009 zu der Pause entschlossen haben, haben wir nie diskutiert, wie lang sie sein sollte. Wir wollten uns alle eine Zeit lang auf andere Dinge konzentrieren. Die Band war da schon einige Jahre lang der Mittelpunkt unseres Lebens. Alls andere war im Pause-Modus. Wir wollten unseren Fokus verschieben: Studieren, einen normalen Job finden, eine Familie aufbauen.

Wir alle spielen auch noch in anderen Bands; ich selbst schreibe auch noch nebenbei für andere Projekte. Ich glaube, deshalb ist die Pause auch länger geworden, als wir gedacht hätten, weil wir alle noch in anderen Projekten Musik gemacht haben. Dann haben viele von uns Kinder bekommen… Es hat sich einfach nach einer natürlich gewachsenen Pause angefühlt.

Als wir 2013 wieder ein paar Shows gespielt haben, haben wir überhaupt erst wieder aktiv an Tiger Lou gearbeitet. 2014 haben wir uns entschieden, ein neues Album zu machen und es hat knapp zweieinhalb Jahre gedauert, bis es fertig war. Für mich hat sich die Pause also gar nicht so lang angefühlt. (lacht)

MusikBlog: Also keine Selbstfindungspause mit dem Gedanken, noch einmal etwas ganz Neues anzufangen; vielleicht sogar ohne Musik?

Rasmus Kellerman: Auf keinen Fall. Für mich ist ein Leben ohne Musik völlig unmöglich. Das ist, als würde ich aufhören zu atmen.

MusikBlog: 2010 hast du mit „The 24th“ ein Soloalbum veröffentlicht. Hast du auch über ein zweites Soloalbum nachgedacht oder war klar, dass die nächste Platte wieder mit Tiger Lou entsteht?

Rasmus Kellerman: Das Soloalbum hat mich ein bisschen zu den Anfängen von Tiger Lou zurückgeführt: Das war zu Beginn auch nur ich und meine Gitarre. Auf eine Art habe ich es vermisst, so Songs zu schreiben und ich hatte noch viele alte Songs herumliegen, die ich gerne spielen wollte, die aber nicht zum restlichen Material von Tiger Lou passten.

Deshalb fühlte es sich ganz natürlich an, sich das mal von der Seele zu schreiben. Und es war auch ganz natürlich, das in unserer Pause zu machen. Ich habe damals in Berlin gewohnt und habe da ganz alleine mal etwas ganz anderes als sonst gemacht. Dann bin ich auf Tour gegangen. Ich hatte erwartet, dass ich es lieben würde, alleine Gigs zu spielen, aber es hat sich ziemlich mies angefühlt. Es war sehr einsam und alleine Touren hat mir nicht wirklich gefallen. Also hab ich das wieder bleiben lassen.

Würde ich noch einmal ein Soloalbum machen? Vielleicht. Ich lasse mich da treiben. Wenn ich Musik schreibe, entscheide ich meist, für welches Projekt ich schreibe, bevor ich mich hinsetze und anfange. Wenn ich das nicht tue, kommt da sehr seltsamer Kram bei raus…

MusikBlog: Du hast eben verschiedene Projekte erwähnt, an denen du arbeitest. Worum handelt es sich dabei?

Rasmus Kellerman: Im Moment konzentriere ich mich ganz auf Tiger Lou; da gibt es noch einige Songs, die nicht ganz fertig sind. In der Pause habe ich Songs für einen Produzenten geschrieben. Der ist dann leider in ein anderes Land gezogen – da ist also nichts draus geworden.

Dann hatte ich eine Band namens Neo Neo mit zwei anderen Electro-Produzenten. Da habe ich Songs ganz ohne Gitarren drin geschrieben und sie an die beiden weitergereicht, die daraus dann ganz neue Dinge geschaffen haben. Wir haben an diesem Projekt etwa ein Jahr lang gearbeitet, dann aber aufgehört, weil niemand von uns so genau wusste, was wir damit anfangen wollen. Es hat sehr viel Spaß gemacht, dafür zu schreiben, aber irgendwann haben wir festgestellt, dass niemand so richtig eine neue Band gründen wollte. (lacht)

Keines dieser Projekte hat es also jemals zu einem Album gebracht. Einige der neuen Tiger-Lou-Songs haben in diesen Projekten aber ihre Ursprünge.

MusikBlog: Zum Beispiel?

Rasmus Kellerman: „California Hauling“ habe ich 2012 für das erste Projekt geschrieben. Als sich das zerschlagen hatte, haben wir den Song mit Neo Neo gespielt. Diese Version war damals ziemlich gut, beinahe ein Disco-Track. Im dritten Anlauf ist der Song dann jetzt auf „The Wound Dresser“ gelandet.

MusikBlog: Also hat „California Hauling“ gar nichts damit zu tun, dass du „The Wound Dresser“ teilweise in Kalifornien geschrieben hast?

Rasmus Kellerman: Nein, das ist keine direkte Referenz. In diesem Song ist Kalifornien eher eine Metapher für einen traumhaften Ort, für den Ort, von dem die meisten Leute träumen.

MusikBlog: Würdest du „The Wound Dresser“ eigentlich als ein Reunion-Album bezeichnen?

Rasmus Kellerman: Nein – eher als eine Art Homecoming-Album. Nach Hause zu kommen ist das grundlegende Thema des Albums; das war beim Schreiben der Songs ein ganz wichtiges Gefühl für mich. Als mir klar war, dass ich jetzt Songs für Tiger Lou schreiben werde, war das ein sehr entspannendes, befreiendes, freudiges Gefühl.

MusikBlog: Hast du die Songs komplett allein geschrieben, oder gab es auch Input von den anderen Bandmitgliedern?

Rasmus Kellerman: Das Songwriting übernehme ich komplett. Diesmal war unser Drummer Pontus Levahn aber schon früh in den Prozess involviert und hat bei der Entscheidung geholfen, welche Songs wir auf das Album packen werden. Wir hatten Demos von 20 bis 25 Songs und aus denen haben wir zehn oder zwölf ausgewählt. Er spielt Drums auf den Aufnahmen, ich spiele alles andere.

MusikBlog: Hat der Albumtitel „The Wound Dresser“ eine bestimmte Bedeutung?

Rasmus Kellerman: Der Titel basiert auf einem Gedicht von Walt Whitman mit dem gleichen Namen, das ich sehr mag und das mir viel Stoff zum Nachdenken über die Kraft von Musik gegeben hat. Für mich liegt die größte Kraft von Musik im kreativen Prozess, im Schreiben von Songs, die mich in irgendeiner Weise berühren.

Wie jeder Mensch hatte auch ich meine Phasen, in denen es mir nicht so gut ging. Das einzige, was mir in diesen Phasen wirklich geholfen hat, war, mich in einen Raum einzuschließen und Musik zu schreiben. Der „wound dresser“, der deine Wunden verbindet, der deine Verbände wechselt, ist dann also die Musik selbst – eine Metapher für die heilende Wirkung von Musik.

MusikBlog: Siehst du da auch eine Verbindung zum Heimat-Thema des Albums?

Rasmus Kellerman: Schon. Ich bin in meinem Leben oft umgezogen und viel gereist. Das Konzept „Heimat“ ist daher nicht unbedingt ein Ort für mich, sondern eher ein Gefühl: Der Ort, an dem ich mich entspannt und sicher fühle – das ist für mich der Ort, den ich als „Heimat“ bezeichnen würde.

Jetzt, wo ich eine Familie und Kinder habe, zieht meine Heimat natürlich mit, egal, wo ich mit ihnen hingehe. Die Verbindung zur Musik ist die: Wenn du ein kreativer Mensch bist, wird deine Kunst auch davon beeinflusst, wo du sie schaffst. Ich habe mich bei meinen Songs immer am wohlsten gefühlt, wenn ich sie an einem bekannten Ort geschrieben habe – und nicht beispielsweise in einem fremden Studio. Ich ziehe es auch vor, immer wieder in dasselbe Studio zum Aufnehmen zu gehen, in das ich seit fünf oder sechs Jahren gehe.

MusikBlog: Auch „The Wound Dresser“ ist ja wieder zum Großteil im selben Studio entstanden, wie die anderen Tiger-Lou-Alben…

Rasmus Kellerman: Genau, wir haben wieder mit Rolf Klinth gearbeitet, im selben Studio, in dem wir auch mein Soloalbum aufgenommen haben. Davor hatte er zwar ein anderes Studio, aber alles andere ist immer gleich geblieben – er, die Technik, die Instrumente… Ich gehe dahin, wo er hingeht.

MusikBlog: Gibt es aus deiner Sicht trotzdem Unterschiede in der Herangehensweise an „The Wound Dresser“, die das Album von seinen Vorgängern unterscheidet?

Rasmus Kellerman: Der größte Unterschied war, dass ich versucht habe, sehr intuitiv zu schreiben, ohne alles zu zerdenken und zu überanalysieren. Bei „The Partial Print“ haben wir Wochen damit verbracht, an jedem einzelnen Song zu arbeiten, Parts zu arrangieren, verschiedene Tempi auszuprobieren. Das hat sehr viel Spaß gemacht, aber dieses Mal wollte ich etwas schreiben, das sehr organisch und spontan klingt.

Ich würde sagen, dass unser Album „The Loyal“ da vergleichbar ist, weil viele Songs darauf erst im Studio geschrieben wurden, in einer sehr kreativen Atmosphäre. Die Songs auf „The Partial Print“ waren absichtlich so geschrieben, dass sie für uns herausfordernd zu spielen sind. Wenn man einen Song hundertmal spielt, wird er irgendwann langweilig und du spielst nur noch im Autopilot; das wollte ich damals vermeiden.

MusikBlog: Und wie ist es bei den neuen Songs?

Rasmus Kellerman: Ein paar von denen spielen wir schon live, im Herbst kommen noch einige dazu. Am Anfang klangen sie ganz furchtbar, als wir sie gespielt haben, was ich ziemlich großartig fand. Viele alte Songs liefen sofort wieder, als wir sie zum ersten Mal nach der Pause wieder ausgepackt haben – das Muskelgedächtnis kommt unglaublich schnell zurück und wir hatten diese Songs hunderte Male gespielt.

Die neuen Songs hingegen… Die ersten eins, zwei, fünf Male waren so schlecht! (lacht) Aber das hat mich sehr glücklich gemacht, denn das ist eine gute Energie: Man muss wachsam sein und spürt, das man keine Maschine ist, sondern eine Band, die immer noch neue Dinge ausprobieren kann.

Mein Lieblings-Live-Song ist momentan „Homecoming #2“. Das wird sich wieder ändern, aber für den Moment… Der Song hat einfach einen tollen Rhythmus, einen Groove, der dich ganz einnimmt und der sich auch nicht plötzlich ändert. Und unser Gitarrist Mathias spielt am Ende ein paar irre Gitarrenlinien, die ich sehr mag. Wenn wir diesen Song spielen, fühle ich mich vier Minuten lang einfach nur gut.

MusikBlog: Als nächstes spielt ihr ja auf dem Reeperbahnfestival und geht im Herbst und Winter auf Tour. Gibt es schon Pläne, was dann kommt?

Rasmus Kellerman: Im Moment halten wir uns da sehr bedeckt. Vermutlich werden wir versuchen, im Frühling noch einmal eine Woche in Deutschland und der Schweiz zu touren und ein paar Festivals im Sommer zu spielen – aber das ist alles noch nicht fix.

MusikBlog: Und ein weiteres Album?

Rasmus Kellerman: Sehr gern, erst einmal müssen wir aber dieses veröffentlichen! (lacht) Ich würde am liebsten morgen mit neuen Songs anfangen, aber ich glaube, da sollte ich mir noch ein bisschen Zeit lassen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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