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Wallis Bird (Credit Jens Oellermann)

Ich habe wieder zu mir selbst gefunden – Wallis Bird im Interview

Seit unserem letzten Treffen mit Wallis Bird sind zweieinhalb Jahre vergangen. In dieser Zeit ist die quirlige Irin in ihrer neuen Wahl-Heimat Berlin richtig heimisch geworden. Kein Wunder also, dass das neue Studioalbum den Titel „Home“ trägt. Oder hat der Titel gar nichts mit der Hauptstadt zu tun? Hat der Begriff „Home“ vielleicht eine ganz andere Bedeutung? Und wenn ja, welche? Wir trafen uns mit Wallis Bird zum klärenden Vieraugengespräch.

MusikBlog: Wallis, du wohnst jetzt seit einigen Jahren in Berlin. Dein neues Studioalbum trägt nun den Titel „Home“. Was erwartet den Hörer? Eine musikalische Liebeserklärung an die Hauptstadt?

Wallis Bird: Auch, ja. (lacht) Aber natürlich nicht nur. Für jemanden wie mich ist es wirklich schwer. Ich war mein ganzes Leben unterwegs. Das fing schon in meiner Kindheit an. Meine Eltern sind permanent mit mir umgezogen. Diese Rastlosigkeit wurde irgendwann auch Teil meiner DNA. Da kann man sich nicht gegen wehren. Und dann kommt man plötzlich an einen Ort, der einen mit offenen Armen empfängt. Das kannte ich bisher noch nicht, zumindest nicht in dieser Form. Ich kann mich noch gut an die ersten Wochen in Berlin erinnern. Ich hatte sofort ein Zuhause-Gefühl. Berlin war ich. Und ich war Berlin. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Insofern hat der Titel meines neuen Albums natürlich auch viel mit der Stadt zu tun.

MusikBlog: Aber nicht nur…

Wallis Bird: Nein, nicht nur. Für mich haben der Albumtitel, und natürlich auch der Inhalt des Albums, eine noch viel tiefere Bedeutung.

MusikBlog: Welche?

Wallis Bird: Es geht vielmehr um ein generelles Lebensgefühl. Ich meine, gerade in diesen Zeiten, in denen die Welt sich jeden Tag in einem neuen Licht präsentiert, ist es wichtig, an einen inneren Ruhepunkt zu gelangen. Das klingt jetzt vielleicht etwas sehr hochtrabend und verwirrend. Aber es ist doch so: Wenn überall Chaos herrscht, braucht es eine Oase der Ruhe. Und diese Ruhe spüre ich momentan.

MusikBlog: Woher kommt diese Ruhe?

Wallis Bird: Das ist schwer zu beschreiben. Ich war in den vergangenen zwei Jahren unheimlich viel unterwegs, nicht nur in Berlin. Ich war auf extrem unruhigen Pfaden unterwegs. Sicher, ich habe eigentlich nie anders gelebt. Aber diesmal war es irgendwie noch eine Spur geballter. Irgendwann habe ich mich dann gefragt, ob und inwiefern das alles Sinn ergibt. Ich fühlte mich ausgelaugt und bereit für eine Veränderung. Also habe ich erst einmal komplett abgeschaltet, alles zur Seite gelebt und mich mit meinem Inneren auseinandergesetzt. Diese Phase war unheimlich lehrreich für mich. Ich habe wieder zu mir selbst gefunden. Und ich habe so auch wieder einen neuen Zugang zur Musik gefunden. Ich denke, das hört man dem neuen Album auch an. Alles fällt ein bisschen reduzierter aus.

MusikBlog: Bisweilen hört man sogar nur deine Stimme.

Wallis Bird: Ja, das stimmt. (lacht)

MusikBlog: Die Rede ist vom Titeltrack. Kannst du uns ein bisschen mehr über die Entstehung erzählen?

Wallis Bird: Es gibt zwei Möglichkeiten, wenn man einem Song eine besondere künstlerische Bedeutung geben möchte. Entweder man bauscht und plustert ihn auf und setzt ihn damit innerhalb eines Albums auf einen musikalischen Thron. Oder aber man präsentiert das genaue Gegenteil. Man blendet alles aus, verzichtet auf jeglichen Sound-Schnickschnack und fokussiert sich nur auf das Wesentliche. Ich habe mich in diesem Fall ganz bewusst für die zweite Variante entschieden.

Ich stamme ja aus Irland. Und in Irland verfährt man gerne getreu dem Motto „weniger ist mehr“ wenn es um wirklich Wichtiges im Leben geht. So halten wir es bei uns auch mit der Musik. Die ausdrucksstärksten Songs sind immer die, die am wenigsten von der zentralen Botschaft ablenken. Und das gelingt am besten, wenn man nur das präsentiert, auf das es ankommt.

MusikBlog: Der Text.

Wallis Bird: Genau. Mit dem direkten Zugang zur Botschaft erreicht man auch die größtmögliche Wirkung. Man ist als Hörer gezwungen zuzuhören. Und das ist mir bei diesem Song eben besonders wichtig. Die Leute sollen wissen, was „Home“ für mich bedeutet. Sie sollen aber auch ihre eigenen Interpretationen finden.

MusikBlog: Intensität spielt in deinem Leben generell eine große Rolle, oder?

Wallis Bird: Auf jeden Fall. Intensität bedeutet aber nicht zwingend, dass es immer bis zum Anschlag gehen muss. Manchmal hinterlässt Leises weitaus größere Spuren als Lautes.

MusikBlog: Manchmal muss man auch das komplette Programm auffahren, um auch wirklich jeden zu erreichen. So wie beispielsweise im Januar, als du im Auster Club über zwölf Stunden auf der Bühne standst. Deine größte musikalische Herausforderung bis zum heutigen Tag?

Wallis Bird: Nein, eigentlich nicht. Die Challenge war bereits in jenem Moment gemeistert, als ich mir sagte: Das kriege ich schon irgendwie hin. Da war der Druck plötzlich weg. Und das Konzert selber? Das war natürlich heftig. Aber es war völlig stressfrei.

MusikBlog: Ein Freund von mir war vor Ort und berichtete mir, dass du nach sechs Stunden den Eindruck erwecktest, eine Pause zu brauchen. Dann wurdest du aber auf der Bühne von einem deiner Musiker in eine Art Jam-Situation hineingezogen. Das wäre wohl die Rettung gewesen. War dem so?

Wallis Bird: (lacht) Ja, da ist was dran. Ich war nach sechs Stunden wirklich durch. Ich habe bewusst keine großen Pausen gemacht, um die Atmosphäre und den Flow nicht zu unterbrechen. Dann hing ich irgendwann aber nur noch am Klavier, als würde ich jeden Moment einschlafen. Glücklicherweise kam dann die Jam-Situation. Das hat neue Kräfte freigesetzt. Von da an lief es wieder wie geschmiert. Ein toller Abend und eine tolle Erfahrung.

MusikBlog: Wiederholung vorstellbar?

Wallis Bird: Klar. Wenn alles passt, warum nicht? Ich fand den Abend wirklich sehr inspirierend. Hat mir großen Spaß gemacht.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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