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Merchandise (Credit Drew Reynolds)

Wir haben immer noch die komplette Kontrolle – Merchandise im Interview

Seit gut zwei Jahren arbeiten Merchandise nun schon mit Label-Verantwortlichen und Promo-Experten zusammen. Man könnte also meinen, dass sich die Mannen um Mastermind Carson Cox mittlerweile an die Business-Welt gewöhnt haben. Doch ist das neue Band-Dasein für die ehemals strikten DIY-Verfechter aus Florida wirklich das Gelbe vom Ei? Wir trafen uns im Zuge der Promo-Phase für das neue Studioalbum „A Corpse Wired For Sound“ mit Carson Cox in Berlin zum Gespräch und fragten nach.

MusikBlog: Carson, das neue Album „A Corpse Wired For Sound“ ist das zweite Studiowerk mit einem angesagten Label im Rücken. Fühlt ihr euch immer noch so wohl mit der Situation wie vor zwei Jahren als euer 4AD-Debüt „After The End“ veröffentlicht wurde?

Carson Cox: Auf jeden Fall. Wir hätten damals keinen besseren Weg gehen können. Wir sind wirklich sehr zufrieden und glücklich. Ich denke, das hört man der neuen Platte auch an.

MusikBlog: „A Corpse Wired For Sound“ geht mehr in die Tiefe. Es gibt viele detailverliebt arrangierte Phasen auf dem Album. Auf der anderen Seite höre ich persönlich aber auch vieles heraus, das an eure Anfangstage erinnert. Wie würdest du den Sound beschreiben?

Carson Cox: Ähnlich. (lacht) Wir haben zu Beginn unserer Karriere stets vertraute Wege gewählt. Das passte auch immer. Seit der Veröffentlichung unseres letzten Albums sind wir aber bemüht, Neues zu kreieren. Ich weiß nicht so richtig wie ich es beschreiben soll. Vielleicht kann man es am besten an meiner persönlichen Entwicklung festmachen. Ich habe immer ein sehr kontrolliertes Leben geführt. So bin ich auch immer an die Musik gegangen.

In den letzten beiden Jahren war ich aber fast nur unterwegs. Ich verbrachte viel Zeit in New York, Italien und Berlin. Im Grunde ist das neue Album auf zwei verschiedenen Kontinenten entstanden. Das hat natürlich hinsichtlich der Produktion des Albums viel verändert. Ich war irgendwie lange Zeit auf der Suche nach mir selbst und nach der richtigen Musik. (lacht) Das klingt ziemlich crazy, ich weiß. (lacht) Aber so war es einfach. Letztlich ist dann ein Album entstanden, das viel Neues zu bieten hat, aber auch eine Brücke zur Vergangenheit schlägt.

MusikBlog: Inwieweit spielte da die neue Label-Situation eine Rolle?

Carson Cox: Das ist schwer zu sagen. Uns hat niemand in die Arbeit reingeredet. Es gab weder Sound-Vorgaben noch sonst irgendwelche Forderungen seitens des Labels. Es ist aber schon so, dass wir seit dem letzten Album anders ticken. Und das hat natürlich in erster Linie mit der neugewonnenen künstlerischen Freiheit zu tun. Früher haben wir alles selbst gemacht. Mittlerweile haben wir kompetente Leute um uns herum, die uns all das abnehmen, was mit dem Musikmachen an sich nichts zu tun hat. Das ermöglicht es uns natürlich, viel fokussierter zu arbeiten. Insofern würde ich schon sagen, dass die neue Label-Situation auch musikalisch Spuren hinterlassen hat.

MusikBlog: Das klingt ja nach der perfekten Beziehung.

Carson Cox: Ja, wir sind wirklich happy. Ich meine, wir haben die ganze Arbeit früher auch gerne gemacht. Wir kommen ja aus dem DIY-Umfeld. Da packt man gerne selber an, behält die Kontrolle und schiebt alle Stimmen von außen gerne beiseite. Ich war aber, ehrlich gesagt, nie besonders gut darin, unsere Musik und unsere Arbeit auch gewinnbringend zu vertreiben. Und ich rede jetzt nicht von großem Profit.

Irgendwann wird es einfach zu viel. Und wenn man dann den Durchblick verliert, geht schnell alles den Bach runter. Das wollten wir natürlich nicht. Also haben wir uns mit Leuten zusammengesetzt, die Ahnung vom Business haben. Jetzt haben wir Menschen an Bord, denen wir vertrauen. Da verirrt sich keiner in den Proberaum und sagt uns, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir haben immer noch die komplette Kontrolle, wenn es um unsere Musik geht. Und das ist das Wichtigste.

MusikBlog: Im Zuge des Pre-Signings bei 4AD kam es wohl auch zu einer denkwürdigen Begegnung mit Geoff Travis. Was war da los?

Carson Cox: (lacht) Das war einfach unglaublich. Geoff kam wirklich auf uns zu und wollte sich erst einmal vorstellen. Das kann doch nicht wahr sein, oder? Dieser Kerl hat Rough Trade gegründet. Ich meine, wir reden hier auch von den Werdegängen von Bands wie Stiff Little Fingers und The Raincoats. So ein Typ muss sich doch bei keinem mehr vorstellen, oder? Aber scheinbar gibt es wirklich noch Bands und Künstler da draußen, die von der Geschichte des Punk keine Ahnung haben. Das hat mich damals fast schon wütend gemacht. Ich sagte nur: Geoff, du brauchst dich nicht vorstellen. Mein Gott, ich weiß genau, wer du bist und was du geleistet hast!

MusikBlog: Auf „A Corpse Wired For Sound“ gibt es nicht mehr allzu viel Offensichtliches aus dem Punk-Bereich zu hören. Nervt es dich eigentlich, wenn dann plötzlich eingefleischte Szene-Fans mit Begriffen wie „Verrat“ und „Mainstream“ um die Ecke kommen?

Carson Cox: Nein, überhaupt nicht. Man kann ein Genre nicht ausschließlich nur über die Musik definieren. So habe ich das schon immer gesehen. In jeder Branche steckt auch ein Lebensgefühl dahinter, das nicht immer 24 Stunden am Tag mit dem standardisierten Musik-Modell konform geht. Mich jucken solche Stimmen nicht.

MusikBlog: Ein freier Mann mit freien Ansichten.

Carson Cox: Oh ja! Und ich habe mich noch nie besser gefühlt. (lacht)

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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