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Nicolas Jaar – Sirens

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Wär‘ die heutige Welt nicht so geschichtsverdrossen, müsste der gefeierte elektronische Klangkünstler Nicolas Jaar nicht derart seltsame Alben machen.

Jaar, der Sohn des renommierten chilenischen Installations- und Videokünstlers Alfredo Jaar, nahm die elektronische Musikwelt im Kritikersturm, als er 2010 und 2011 mit mehreren Singles die Entschleunigung von elektronischer Tanzmusik etablieren half. Scheinbar nie zuvor tanzte man in Clubs so langsam wie zu „Time For Us“ und „Mi Mujer“.

Das alles ist lange her, sein weltweit hochgelobtes Album-Debüt „Space Is Only Noise“ schlug kohärent in die gleiche Kerbe: Tanzen geht auch ohne Wumms, Entschleunigung heißt nicht gleich Ambient-Hippietum.

Wie es sich für einen echten Künstler gehört, ist das Festgelegtsein Jaars Sache nicht. Mit Kumpel und Jazz-Musiker Dave Harrington lehnte er sich im inzwischen wieder (temporär-)begrabenen Projekt Darkside und deren famosem Album „Psychic“ weit in die Welt der Instrumental-Musik und weg von Club-Sounds.

Mit dem Ambient-Album „Pomegranates“, welches von Jaar als alternativer Soundtrack zum 68er-Experimental-Film „Die Farbe des Granatapfels“ des russischen Filmemachers Sergei Paradschanow konzipiert wurde, ging er dem Club-Sound-Publikum vollends verloren.

Dann noch jede Menge divergierende EPs und Remixe, mal zugänglich, mal verschroben, fertig ist der undefinierbare Klangkünstler Jaar. Und dann studierte der auch noch Literatur.

Insofern darf sich niemand wundern, wenn man mit Nicolas Jaars mit Spannung erwartetem zweiten Album „Sirens“ nicht bekommt, was man an „Space Is Only Noise“ lieben gelernt hat. Was man bekommt, ist ein schwer zugängliches, aber hochgradig interessantes elektronisches Konzeptalbum.

Das Ringen mit der Geschichte, selbstredend der eigenen, ist mit unversöhnlichem Ausgang das konzeptuelle Thema von „Sirens“.

Da hätten wir gleich als erstes „Killing Time“: eine Minute sich langsam steigerndes Grundrauschen, dann Dissonanzklänge, zerbrochenes Glas und Piano-Kaskaden, sechs Mal hintereinander.

Unaufgelöst wollen sie partout nicht in einen erhabenen Rhythmus übergehen, diese Klänge des Zeit-tot-Schlagens, und machen nach eingehender Beschäftigung doch gewahr: auch die Wiederholung dieser elenden Dissonanz erzeugt dann doch Rhythmisierung, Periodisierung, fassbare Zeit.

Mit Jaar wird es schnell philosophisch. Sein künstlerischer Ansatz ist zu komplex, Freunde der Unterhaltungskultur bleiben da zumeist auf der Strecke.

„Ya dijimos no pero el sí esta en todo“ (Wir haben schon Nein gesagt, aber das Ja ist in allem“) prangt auf dem freirubbelbaren Cover. Ein kryptischer Hinweis auf das Ende der Diktatur in Chile, welche durch eine simple Ja/Nein-Volksabstimmung eingeleitet wurde und durch den chilenischen Regisseur Pablo Larraín im kleinen Indie-Kinoerflog „No“, mit dem schmucken Gael Garcá Bernal, wie ich mir als Landsmann erlauben möchte, zu urteilen, recht unausgegoren dem Kinopublikum 2012 nähergebracht wurde.

The Jaar-Devil is in the detail: Was rubbelt man da eigentlich frei auf dem Cover? Ein Verweis auf eines der kongenialsten Arbeiten seines Vaters. Der hatte in den Achtzigern mal die weltberühmte, nur für Werbung oder höchstens mal Nine-Eleven-Liveberichterstattung genutzte Anzeigetafel am New Yorker Times Square teuer gebucht und mit einer kleinen Videoinstallation versehen, die auf etwas hinwies, dass sich bis heute nicht geändert hat:

Über die grafischen Umrisse der USA legten sich die Worte „This Is Not America“. Denn gerade hierzulande sagt man noch immer Amerika und meint ausschließlich die USA. Doch sind Chilenen, Argentinier, Mexikaner oder Kanadier nicht auch Amerikaner? Als wären nur Belgier Europäer.

Was sind die Folgen von Kulturdominanz und -hegemonie? Und was bedeutet der Satz, „Geschichte wird von Siegern gemacht“, für die Pop-Musik?

Zwischen all den modularen Synthesizern erklingen an mehreren Stellen alte Tonbandaufnahmen vom kleinen Jaar mit seinem Vater – chilenisches Familienidyll im Exil. Dass ich in Deutschland und Jaar in New York aufwuchs, ist unabdingbare Folge der chilenischen Diktatur, der Geschichte. Der letzte Track auf „Sirens“ heißt „History Lesson“ und wird als akustischer Klamauk präsentiert, während es die Lyrics in sich haben.

Im Guardian-Interview gab Jaar soeben freimütig zu, mit dem Konzept seines neuen Albums gescheitert zu sein. Elektronische Musik und Geschichte – schwierige Kiste. Aber er will das Scheitern so stehen lassen.

Viele werden da nicht mitgehen. Gerade elektronische Musik unterliegt nach wie vor einem Unterhaltungsimperativ. Doch wenn so Scheitern klingt, sage ich zu Scheitern ja.

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