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Powell (Credit Dan Benson)

Powell – Sport

Jeder hat als Kind vermutlich mal ein paar Melodien gesummt, ohne dabei jemals auf die Idee gekommen zu sein, den Ansatz kompositorisch weiterzuverfolgen. Powell aus England, Jahrgang 1983, hat das aber anscheinend gemacht.

Ein Funken Neugier und das Glück, in der Ära aufgewachsen zu sein, als elektronische Kultur auf technologischer Ebene neue Möglichkeiten erhielt, dürften dazu beigetragen haben, dass er am Ball blieb.

Er war im Fanclub von „Renegade Hardware“, einem frisch aufgelösten Drum And Bass-Label, sein Fitnessstudio war die in London ansässige, hauseigene Party des Labels und sein Fitnessplan war eine gekrackte Version der Kompositionssoftware Cubase.

Powells Debüt heißt „Sport“ und klingt verspielt, im höchsten Grade autodidaktisch und wechselt gefühlt jede Minute den Song-Rahmen, insofern man hier überhaupt noch von Song sprechen kann.

Auf „Sport“ verändert sich alles permanent – obwohl der Electronica-Nerd auf viel Loop-Struktur setzt. Ständig variiert Powell Rhythmus und Tempo, prescht in seine kratzigen Samples rein, die übrigens aus Punk-Songs stammen. Ohnehin eine unübliche Methode im DJ-Kosmos, die dem Album einen ganz eigenen Spirit verleiht.

Powell transponiert die Drei-Akkorde-Brutalität in schlichtweg hämmernde Beats. Diese Kombination ist schrille Trademark des Albums, wenngleich für das Sampling mindestens genauso oft auf Interview-Material und scheinbare Filmdialog-Exzerpte zurückgegriffen wird.

Das Besondere: Powell entwirft durch die eigenwilligen Sample-Positionierungen ein ganz eigenes Narrativ. In „Plastic“ antwortet beispielsweise eine Dame auf die Frage, ob sie die Welt hass damit, dass sie lediglich zehn Menschen auf dieser Welt abkönne. Das anfängliche Arrangement, das Powell diesem Satz als Unterbau schenkt, wirkt düster und nahezu klaustrophobisch. Das Set präsentiert sich daraufhin jedoch nahezu albern, wird infantiler und baut sogar kurze Jazz-Einschübe ein. Mannschaftssport hört sich anders an.

Denn wie die Dame anscheinend durchaus Gefallen daran findet, eigene Wege zu beschreiten, hat wiederum die Komposition Spaß daran, aus dem Takt zu fallen, den roten Faden zu verlieren und anzuecken. Am Ende sorgt die Befragte selbst für die Auflösung: „I am positive negative.“ Die Inszenierung des Samples: Alles eine Frage der Auffassung, alles eine Frage der Interpretation.

All das zimmert Powell zwischen raue Techno-Beats, die Handarbeit demonstrieren und sich nicht eine Spur dafür zu interessieren scheinen, ob sie noch als clubkompatibel durchgehen werden.

Tanzen könnte zwar auch Sport sein, doch bei Powell geht es primär um zähe Ausdauer und nicht um Teamwork. Und um die Kondition, auch polyrhythmisch holprige Strecken zu meistern, sich von wirren E-Gitarren-Soli („Do You Rotate“) nicht aus der Puste bringen zu lassen und vor allen Dingen, den Überblick nicht zu verlieren.

„I can turn around and I can play at six turntables and four CD players all at once“, skandiert ein Charakter, der in „Skype“ gesampelt wird. Das Zitat könnte auch von Powell selbst stammen, dessen Tracks man sicher nicht alle mögen, aber dafür schätzen muss, dass sie eigene Laufrouten für sich festlegen.

So spielt Powell letzten Endes nur für sich selbst – und ist sein eigener Gegner. Das ist dann fast schon intimer Sport.

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