Man kann nicht einfach so das Blatt wenden – Elbow im Interview

Als Elbow im vergangen Jahr die Nachricht streuten, dass ihr langjähriger Drummer Richard Jupp nicht mehr länger hinter den Band-Kesseln sitzen werde, ging ein Aufschrei des Entsetzens durch die Szene. Nach 25 Jahren war der Drops plötzlich gelutscht. Doch wie kam es dazu? Der Zeitpunkt jedenfalls überraschte doch sehr.

Zwei Jahre zuvor feierte die Band mit der Veröffentlichung ihres siebten Studioalbums “The Take Off And Landing Of Everything” schließlich ihren bis dato größten kommerziellen Erfolg. Das Album landete in England auf der Pole Position und schob sich auch hierzulande unter die Top 25 der Longplayer-Charts. An mangelnden Zukunftsvisionen kann es also nicht gelegen haben. Im Zuge der Promo für ihr neues Album “Little Fictions” sprachen wir mit Keyboarder Craig Potter über die Hintergründe des Ausstiegs von Richard Jupp und über die Rolle des “neuen” Schlagzeugers Alex Reeves. Natürlich plauderten wir auch über den Sound des neuen Albums.

MusikBlog: Craig, Hand aufs Herz: Hättest du je gedacht, mit Elbow noch einmal an einen Punkt zu gelangen, der an eure Debütalbum-Zeit erinnert?

Craig Potter: Oh, du erkennst bei unserem neuen Album Parallelen zu “Asleep In The Back”? Das ist interessant.

MusikBlog: Naja, ich meinte damit eher die Grundkonstellation, in der das neue Album entstanden ist. Ich kann mir vorstellen, dass es sich ähnlich angefühlt haben könnte wie damals im Jahr 2002.

Craig Potter: Ah, verstehe. Ja, das stimmt. So habe ich das noch gar nicht betrachtet. Aber du hast natürlich Recht. Wenn man nach so langer Zeit plötzlich in einer neuen Dynamik-Situation arbeitet, dann kommen da fürwahr Erinnerungen an unsere Anfangstage hoch. Damals wussten wir auch nicht, was am Ende rauskommt. Diesmal war es ähnlich. Wir mussten uns neu ordnen. Irgendwann hat sich die Anspannung aber gelöst.

MusikBlog: Auf dem neuen Album experimentiert ihr mit Loops, Chören und orchestralen Arrangements.

Craig Potter: Ja, das kam irgendwann ganz automatisch. Als wir das erste Mal zu viert, ohne Richard, zusammensaßen, fühlte es sich schon ein wenig gespenstisch an. Da waren plötzlich keine Drums mehr im Raum. Keiner wusste so richtig, wie wir anfangen sollten. Wir redeten dann viel miteinander. Und irgendwann machte es dann Klick. Im weiteren Verlauf der Sessions sind wir dann immer offener geworden. Und schlussendlich hatten wir großartige Sounds vom Hallé Ancoats Community Choir mit an Bord.

MusikBlog: An derartige Sounds war kurz zuvor noch nicht zu denken. Richard war ja bis kurz vor den Sessions noch mit am Start, richtig?

Craig Potter: Ja, das war er. Aber, wer weiß? Vielleicht hätten wir auch mit ihm zusammen diese Richtung eingeschlagen. Mittlerweile mache ich mir darüber aber auch keine großen Gedanken mehr. Ich bin sehr glücklich mit dem Album, und ein Mensch, der lieber nach vorne blickt. Wir haben jetzt etwas Neues angerührt, das sich richtig und gut anfühlt. Nur das zählt.

MusikBlog: Richards Ausstieg ist demnach komplett überwunden?

Craig Potter: Musikalisch hat es uns vielleicht sogar beflügelt. Ich weiß es nicht. Die persönliche Seite sieht natürlich anders aus. Wir vermissen Richard alle sehr. Wir waren ja nicht nur Kollegen, sondern sind auch Freunde. So eine Trennung hinterlässt natürlich Spuren. Vor allem, wenn sie so plötzlich kommt.

MusikBlog: Es gab im Vorfeld keinerlei Anzeichen?

Craig Potter: Es gab hin und wieder schon einen Wink von ihm, dass er vielleicht irgendwann noch einmal eine Veränderung anstreben werde. Aber als es dann soweit war, war es wie ein Schock für uns.

MusikBlog: Es ist von einem erweiterten Engagement innerhalb seiner Schlagzeug-Schule die Rede. War das denn der Hauptgrund?

Craig Potter: Ja, Craig möchte dort mehr Zeit verbringen.

MusikBlog: Es gab also keinerlei persönliche oder musikalische Querelen innerhalb der Band?

Craig Potter: Nein, überhaupt nicht. Richard wird immer zur Elbow-Familie gehören. Daran wird sich nichts ändern.

MusikBlog: Bei der Produktion des neuen Albums saß nun ein gewisser Alex Reeves hinter dem Schlagzeug, der bereits mit Nick Cave und Bobby Womack gearbeitet hat. Wird Alex den Platz von Richard dauerhaft einnehmen oder hilft er nur für den Moment aus?

Craig Potter: Alex hat einen tollen Job gemacht. Sein Schlagzeugspiel ist phänomenal. Aber Fakt ist: Wir haben nicht vor, Richard eins zu eins zu ersetzen. Nach 25 Jahren kann man nicht einfach so das Blatt wenden und ein neues Kapitel aufschlagen. Das funktioniert nicht. Wir bleiben jetzt erstmal ein Quartett und nehmen Alex als Live-Drummer mit auf Tour. Danach schauen wir weiter.

MusikBlog: Wir sind gespannt.

Craig Potter: Wir auch. (lacht)

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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