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The Naked And Famous (Credit Samantha West)

Wir haben darüber wenig Kontrolle – The Naked And Famous im Interview

Wenn die langjährige Beziehung einer Musikerin oder eines Musikers in die Brüche geht, verarbeiten diese die schmerzhafte Erfahrung der Trennung häufig in ihrer Musik. Doch wie geht man damit um, wenn die Ex-Partnerin gleichzeitig die Sängerin der eigenen Band ist? Diese Erfahrung musste Gitarrist und Co-Sänger Thom Powers von The Naked And Famous machen, nachdem seine Beziehung mit Frontfrau Alisa Xayalith nach dem zweiten Album „In Rolling Waves“ zerbrach.

Lange Zeit sah es so aus, als hätte diese Trennung auch das Schicksal der neuseeländischen Synthiepop-Band besiegelt. Doch dann rauften sich The Naked And Famous zusammen und begannen an der Arbeit am dritten Album. „Simple Forms“ ist deshalb zu gleichen Teilen ein Trennungs- wie Versöhnungsalbum geworden. Wir sprachen mit Thom Powers über den Neubeginn seiner Band, neue Wege des Songwritings und die größere Einfachheit in der Musik von The Naked And Famous.

MusikBlog: Nach eurem zweiten Album „In Rolling Waves“ und der Trennung von dir und Alisa Xayalith sah es so aus, als seien The Naked And Famous Geschichte. Warst du dennoch zuversichtlich, dass ihr euch als Band wieder zusammenraufen würdet?

Thom Powers: Nein, andererseits konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass dies das Ende von The Naked And Famous ist. Ich war in dieser Zeit sehr verwirrt, weil ich nichts mit mir anzufangen weiß, wenn ich nicht Musik mache. Deshalb habe ich auch sofort wieder angefangen, Musik zu schreiben. Seit ich Teenager war, schreibe ich ständig neue Musik. Nach der Trennung lag jedoch diese dunkle Wolke der Unsicherheit über mir, weil ich nicht wusste, für wen ich diese Songs schreibe.

MusikBlog: Sind Songs auf „Simple Forms“, die du in dieser Zeit geschrieben hast und bei denen du nicht sicher warst, ob sie für The Naked And Famous sein werden?

Thom Powers: Ja, vor allem bei dem Song „Falling“ hatte ich während des Schreibens das Gefühl, dass er auch der Startschuss meiner Solokarriere sein könnte. Aber das ist gar kein neuer Gedanke für mich, darüber denke ich schon nach, seit ich 15 Jahre alt war. Ich war mir damals immer sicher, dass ich neben der Band auch alleine Songs veröffentlichen werde. Doch immer wenn ich einen Song für mich schreiben wollte, stellte sich heraus, dass ich einen Song für The Naked And Famous geschrieben habe. Deshalb habe ich bisher noch kein Album als Solokünstler aufgenommen, weil ich nicht – wie viele andere Künstler – ein Album veröffentlichen möchte, das dann genau wie meine Band klingt.

MusikBlog: „Falling“ war nach der Trennung einer der erste Songs, den ihr aufgenommen habt und mit dem ihr zufrieden wart. Hat es lange gedauert, als Band wieder zu funktionieren?

Thom Powers: Ja, es war zunächst sehr schwierig, aber „Falling“ gab uns dann das Gefühl, dass wir ein musikalisches Fundament für das neue Album gefunden hatten, auf das wir uns einigen konnten und auf dem wir aufbauen konnten.

MusikBlog: Auf „Simple Forms“ gibt es aber auch Songs wie „Higher“, die noch aus der Zeit des zweiten Albums stammen. Haben sich diese Stücke in den drei Jahren stark verändert?

Thom Powers: Auf jeden Fall, „Higher“ wollten wir eigentlich unbedingt schon für „In Rolling Waves“ fertigstellen, aber ich hatte eine komplett falsche Vorstellung davon, wie der Song klingen soll. Dann sprach ich mit unserem Manager über den Song, der ihn ganz anders interpretierte, weshalb ich zunächst dachte, dass er ihn nicht versteht. Aber dann akzeptierte ich seine Interpretation des Songs, schrieb ihn neu – und plötzlich funktionierte er.

MusikBlog: Der Vorgänger „In Rolling Waves“ klingt im Vergleich zu „Simple Forms“ sehr düster und weniger direkt. Wolltet ihr mit eurem neuen Album zu dem energetischen und großen Popsound eures Debütalbums zurückkehren?

Thom Powers: Das war ein Teil der Idee. Gleichzeitig wollten wir einen größeren Fokus auf den Gesang legen als bei „Passive Me, Aggressive You“. Es sollte ein Popalbum werden. Nicht in dem Sinne, dass wir über den gleichen Mist singen, über den im Radio gesungen wird, sondern in dem Sinne, dass der Gesang immer im Zentrum steht. Trotzdem klingen wir noch nicht nach Taylor Swift. (lacht)

MusikBlog: Wobei ich gelesen habe, dass sie wirklich eine Inspiration für „Simple Forms“ war.

Thom Powers: Ja, sie gehört zu den „guilty pleasures“ der Band. Aber uns ging es vor allem darum, uns stärker auf das Songwriting und weniger auf die Produktion zu konzentrieren. Wir haben versucht, Songs zu schreiben, die mit wenigen Effekten und zusätzlichen Synthies auskommen und die stattdessen vom Gesang getragen werden. Bei „Passive Me, Aggressive You“ lag unser Fokus auf der Produktion, „In Rolling Waves“ fühlte sich stärker wie ein Bandalbum an, weil wir jeden Song vor den Aufnahmen lange zusammen gespielt und entwickelt haben.

MusikBlog: Bedeutet ein stärkerer Fokus auf Songwriting, dass ihr Songs mit Gitarre oder Klavier geschrieben habt?

Thom Powers: Vor „Simple Forms“ haben wir tatsächlich nie unsere Songs mit akustischen Instrumenten geschrieben. Bei unserem Debüt ging es uns um einen ganz bestimmten Vibe. Deshalb haben wir erst den Sound und die Instrumentierung eines Songs entwickelt und anschließend die Lyrics geschrieben und aufgenommen. Bei „In Rolling Waves“ haben wir zumindest einen Teil der Songs als Band im Proberaum geschrieben – allerdings nicht an akustischen Instrumenten. Für dieses Album haben wir uns häufig einfach ans Klavier gesetzt oder eine Gitarre genommen und nur mit diesem Instrument und Gesang den Song geschrieben.

MusikBlog: Habt ihr euch für diesen treibenden und optimistischen Sound von „Simple Forms“ entschieden, weil die Lyrics der Songs häufig düster sind?

Thom Powers: Ich kann nicht behaupten, dass wir uns für diesen Kontrast entschieden haben, weil unsere Musik meistens einfach passiert. Wir haben darüber wenig Kontrolle, zumindest fühlt es sich so an. Wir arbeiten einfach an jedem Song, bis er fertig ist. Das klingt vielleicht seltsam, aber das ist im Grunde der ganze Plan dahinter. So viele Zufälle und unbewusste Entscheidungen spielen dabei eine Rolle, dass ich nicht wirklich von einer bewussten Entscheidung für einen bestimmten Sound sprechen kann.

MusikBlog: Der letzte Song „Rotten“ fällt ein wenig aus dem Rahmen und klingt anders als die neun übrigen Stücke auf „Simple Forms“.

Thom Powers: Er erinnert mich ein wenig an Rockalben der 90er, bei denen die Bands ihre akustische Ballade als letzten Song auf das Album gepackt haben. Er unterscheidet sich vom Rest, passt aber trotzdem irgendwie ins Konzept.

MusikBlog: Der Albumtitel „Simple Forms“ taucht in den Lyrics von gleich zwei Songs auf, nämlich „Falling“ und „Water Beneath You“. Warum sind „einfache Formen“ so zentral für dieses Album?

Thom Powers: Der Ausdruck „Simple Forms“ klingt wie ein sehr selbstbewusstes Statement, gleichzeitig verbirgt sich bei diesem Album genau das Gegenteil hinter dieser Aussage. Denn in der Realität gibt es eigentlich keine einfachen Formen, in beinahe jedem Kontext ist es also eine unzulässige Vereinfachung, von solchen simplen Formen zu sprechen. Weil die Welt viel zu komplex ist, um sie wirklich zu durchschauen, vereinfacht die menschliche Wahrnehmung die Beziehungen und Verhältnisse der Dinge, um sie verstehen zu können. Deshalb glauben so viele Menschen, dass sie die Welt durchschaut haben, obwohl sie keine Ahnung haben. Dieser Gegensatz spiegelt sich im Albumtitel wider.

MusikBlog: Der Titel „Simple Forms“ könnte aber auch als Motto des Albums verstanden werden, weil ihr über sehr komplexe Themen singt, diese aber in sehr simple Popsongs verpackt.

Thom Powers: Genau, das ist eine weitere Ebene des Titels. Auch das Artwork des Albums greift die Idee hinter „Simple Forms“ auf. Das sehr schlichte Cover mit dem Schriftzug hat aber auch ganz praktische Gründe. In der heutigen digitalisierten Welt sehen die meisten Hörer das Artwork höchstens als daumennagelgroßes Icon auf dem Bildschirm ihres Smartphones. Daher muss man ein Cover finden, das auch in dieser winzigen Größe noch funktioniert. Manchmal ist es frustrierend, so viel Arbeit und Gedanken in eine Sache zu stecken, die dann scheinbar gar nicht wirklich gewürdigt wird. Mit „Simple Forms“ haben wir aber ein Artwork gefunden, das auf dieser Größe funktioniert und dennoch auch eine schlichte Schönheit hat. Das scheint ein gutes Motto für The Naked And Famous zu sein: Back to basics! Zurück zu den einfachen Dingen!

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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