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Mando Diao (Credit Charli Ljung)

Weil du dich immer noch im Spiegel anschauen kannst – Mando Diao im Interview

Nachdem Frontmann und Gitarrist Gustaf Norén 2015 die Band verließ, setzte sich Mando Diao viel mit den Themen Loyalität, Vergänglichkeit, Freundschaft und Liebe auseinander. In ihrem neuen Album „Good Times“ verarbeitet die Band diese schwierige Zeit und möchte gleichzeitig einen Neuanfang wagen.

Im Interview verriet uns Bassist Carl-Johan Fogelklou, welche Message hinter den neuen Songs steckt, welchen Einfluss sein Vater hatte und ob Gustaf zur Band zurückkehren wird.

(Lautes Scheppern)

Carl-Johan: Das war für dich! Ich wollte dich nämlich mit einem riesen Knall begrüßen! (lacht)

MusikBlog: Und das, obwohl du müde zu sein scheinst.

Carl-Johan: Ich bin so, so müde! Wir haben ein bisschen zu hart gefeiert gestern, als wir auf den 40. Geburtstag von Patrik angestoßen haben. Ich bin fertig, aber froh – es ist eine gute Kombi.

MusikBlog: Stichwort Geburtstag: Mando Diao wird dieses Jahr 18, volljährig! Ist die Band aber auch erwachsen geworden?

Carl-Johan: Ich glaube, wir sind in zweierlei Hinsicht erwachsen geworden: zum einen als Musiker und zum anderen als Menschen. Als Band sind wir offener geworden, nicht mehr so engstirnig wie anfangs. Wir liebten damals diese britische 60er Jahre Szene und waren deshalb gegenüber anderen Sachen total verschlossen. Mit der Zeit haben wir aber angefangen, uns dafür zu interessieren, was diese Sixties-Szene eigentlich inspirierte. Besonders die afro-amerikanische Musikkultur spielte über die Jahre eine große Rolle für uns, mit der Zeit aber auch Soul, R&B oder Disco.

Menschlich haben wir uns insofern weiterentwickelt, dass wir mehr auf zwischenmenschliche Beziehungen achten. Wir haben gelernt, wie man miteinander umgehen muss, um als Freunde in dieser Welt, in der wir uns bewegen, zu überleben.

MusikBlog: Du meinst die schnelllebige Musikindustrie?

Carl-Johan: Ja, aber es muss gar nicht so schnell gehen. Schau dir Bob Marley an. Er war auf eine gewisse Weise schnell, hat aber langsam gespielt.

MusikBlog: Wieviel Zeit hat eine Band denn wirklich, bevor sich das Sprichwort „Aus den Augen aus dem Sinn“ bewahrheitet?

Carl-Johan: Ganz ehrlich? Ich glaube, es kommt darauf an, wie bekannt die Band ist. Wenn du super erfolgreich bist, dann kannst du dir auch eine 5-jährige Pause gönnen und absolut nichts veröffentlichen. Schau dir zum Beispiel Coldplay an. Sie haben in den letzten Jahren nicht wirklich etwas veröffentlicht, aber das ist egal. Wenn sie jetzt zurückkommen, dann wird das groß!

MusikBlog: Ihr hattet jetzt nach „Aelita“ gut drei Jahre Zeit und habt euch für das neue Album sogar auf Jens‘ Sommerhaus zurückgezogen. Hätte das nicht auch richtig schiefgehen können? 24/7 zusammen…

Carl-Johan: Aber hier kommt eben genau dieses Zwischenmenschliche ins Spiel. Wenn du auf so eine Weise zusammen bist, dann gibst du dir gegenseitig den nötigen Freiraum. Du arbeitest nicht 24 Stunden lang, sondern nur vier oder sechs. Du achtest auf die anderen und versuchst das zu tun, was für alle das Beste ist. Wie in einer Familie.

MusikBlog: Wie wichtig ist denn so ein Familienverhältnis in einer Band?

Carl-Johan: Meiner Meinung nach, sehr wichtig. Wir standen uns nicht immer so nahe wie jetzt. Aber wir haben gemerkt, wie wichtig es ist, uns so zu akzeptieren, wie wir sind und uns gegenseitig Respekt entgegenzubringen. In Zukunft wird das Leben für uns so viel einfacher sein, wenn wir das beibehalten können. Es ist wichtig, auch mal über Sachen sprechen zu können, nicht nur Probleme anzusprechen, sondern auch andere Meinungen anzunehmen.

Ein super Beispiel ist die Songauswahl diesmal: Wir mussten aus 40 Songs die besten raussuchen und ich glaube, jeder hat sein Ego weggepackt. Keiner hat darauf geachtet, wer den Text geschrieben hat oder von wem die Idee kam. Keiner hat versucht, seinen eigenen Song zu pushen…

MusikBlog: Das Lied „Break Us“ stammt zum Beispiel von eurem neusten Mitglied (Jens Siverstedt – d. Red.).

Carl-Johan: Genau! Als wir uns dafür entschieden, „Break Us“ zum ersten Albumsong zu machen, haben wir nicht darauf geachtet, ob er von Jens geschrieben wurde oder nicht. Wir saßen wie immer einfach nur im Studio und sind die Lieder durchgegangen. Bei „Break Us“ haben wir dann alle gemeint „Ah, das muss der erste Track werden!“

MusikBlog: Die Situation in „All The Things“ kennt wohl jeder: “You got me fucked up / Stripped down to my bones.“ Wie geht man am besten damit um?

Carl-Johan: Die Antwort kommt im Vers danach: „But I’m breathing.“ Wenn du in eine solche Situation kommst, dann atme durch und gehe es langsam an. Wenn es dir richtig beschissen geht, dann umgebe dich mit Freunden und sei offen, spreche über deine Gefühle und verstecke dich nicht.

MusikBlog: Du gibst gerade tatsächlich als Mann den Rat, über Gefühle zu reden?

Carl-Johan: Tatsache! (lacht) Um ehrlich zu sein, ich kann mich nicht wirklich in solche Situationen hineinversetzen. Ich hatte noch nie ein Problem damit, weil mein Daddy ein Mann von großen Gefühlen war. Wenn wir als Familie zusammen einen traurigen Film geschaut haben, war es am Ende er, der geweint hat. Mein Vater ist nie im Haus rumgerannt und hat Sachen repariert oder hat stundenlang am Auto rumgeschraubt. Er war eher der Akademiker, hat viele Bücher gelesen und auch welche geschrieben. Ich muss also zugeben, dass ich relativ unerfahren bin, was die althergebrachte Vaterrolle angeht.

Ich liebe es, über Gefühle zu reden und so sind eigentlich auch alle anderen in der Band. Aus diesem Grund behandeln alle unsere Texte auf eine gewisse Art und Weise die Beziehung zwischen Menschen, weil wir dieses Thema interessant finden. Wir möchten, dass die Leute unsere Lyrics nehmen und sich selbst darin wiederfinden. Sobald du dich damit identifizieren kannst, ist es dein Text, dein Lied. Wir haben die Songs für unsere Zuhörer geschrieben.

MusikBlog: Welche bestimmte Message möchtet ihr denn euren Zuhörern vermitteln?

Carl-Johan: Es ist weniger eine Message, sondern eher die Erkenntnis zu der wir ermutigen wollen. Nehmen wir beispielsweise „Break Us“, eine typische Liebesgeschichte. Wenn du mit jemandem zusammen lebst, diese Person dich aber schlecht behandelt, dann musst du das erkennen und es dir selbst eingestehen. Manchmal ist es wichtig, die Tür hinter sich zu schließen und einfach zu gehen. Und wenn die Person wieder ankommt und versucht, dich zu täuschen, musst du standhaft sein. Manchmal musst man das einfach. Es gibt Menschen, die kannst du nicht zurücknehmen.

MusikBlog: Daniel hat Mando Diao verlassen und kam acht Jahre später wieder zurück. Glaubst du die Band wird jemals bereit für eine Rückkehr von Gustaf sein? Oder ist es eher so, dass ihr nach seinem Ausstieg eine schwere Zeit überwunden habt und es euch nicht noch einmal „antun“ wollt?

Carl-Johan: Lass es mich so sagen: Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Wenn wir uns in acht Jahren dazu entscheiden sollten, wieder mit ihm zu arbeiten, dann werden wir das tun. Aber er wollte unbedingt die Band und das komplette Musikgeschäft verlassen, deshalb haben wir ihn gelassen. Er hat einfach eine Pause von allem gebraucht, auch von uns. Vom jetzigen Standpunkt aus sehe ich keine gemeinsame Zukunft. Aber wie sagt man? Sage niemals nie…

MusikBlog: Apropos, euer ehemaliger Drummer Samuel wird im Making-Of-Video erwähnt!

Carl-Johan: Ja! (lacht) Er hat den Titeltrack zusammen mit mir und Björn geschrieben! Als die beiden zusammen bei einer Tasse Kaffee saßen, meinte Samuel plötzlich „Lass uns zu dir gehen und ein bisschen Musik machen.“ Daraufhin hat er mit der Bassline angefangen und Björn hat improvisiert. Danach haben wir zusammen den Text zu Ende geschrieben. So ist „Good Times“ entstanden. Wir arbeiten also immer noch mit Samuel als Songwriter zusammen. Aber das Wichtigste ist, dass wir nach wie vor gute Freunde sind.

MusikBlog: Gute Freunde, die eine gute Zeit zusammen haben.

Carl-Johan: Das ist heutzutage so wichtig. Die Welt fällt gerade auf eine gewisse Weise in sich zusammen. Es gibt so viele komische Meinungen über Sachen und Menschen sind gegeneinander anstatt füreinander. Man wird richtig depressiv, wenn man sich die News anschaut. Dumme Politiker, wenn ich das so sagen darf, werden in Machtpositionen gewählt, Terrorattacken, die alle in Angst versetzen. Schweden ist da keine Ausnahme. Wir haben auch eine rechtspopulistische Partei, die immer stärker wird, die Schwedendemokraten. Sie wollen Menschen ausschließen und sich nicht mehr um Einwanderer kümmern, es ist grausam. Aber gerade, wenn die Welt so beschissen ist, ist es wichtig, die guten Dinge wahrzunehmen und es auch an seine Mitmenschen weiterzugeben.

Wenn du zum Beispiel etwas auf Facebook postet, dann beschwere dich nicht, klage nicht rum. Erzähle lieber von der neuen tollen Platte, die du dir geholt hast oder dem coolen Film, den du dir eben angeschaut hast. Versprühe positive Energie, sei es nur ein „Ich liebe diesen Künstler“, „Ich liebe diese Musik“ oder meinetwegen „Ich liebe Sonnenschein“. Ernsthaft, freue dich zuerst und klage danach.

MusikBlog: Dieses Motto habt ihr auch beim Albumcover umgesetzt.

Carl-Johan: Es ist etwas ironisch. Von vorne sieht es so aus, als würden wir in unserem kleinen Paradies leben. Dreht man es aber um, ist auf der Rückseite zu erkennen, dass es sich nur um eine Kulisse handelt. Wir wollten beides vermitteln, das Gute und das Schlechte. Und so ist es mit der aktuellen Weltsituation. Egal, wie es hinter den Kulissen aussieht, man muss sich immer noch selbst erlauben, eine gute Zeit zu haben. Tust du das nämlich nicht, dann endest du als ein sehr trauriger Mensch.

MusikBlog: „Sorrow took me on a journey“ heißt es in „Watch Me Now”. Habt ihr eure schwere Reise überwunden? Wo befindet ihr euch jetzt?

Carl-Johan: Wir befinden uns jetzt hier bei dir! (lacht) Nein Spaß. Wir reißen uns gerade den Arsch auf, um unser neues Album zu promoten. Wir entertainen nicht nur uns selbst, sondern auch die Menschen um uns herum und wir genießen das. Wir sind sehr glücklich, dass wir das alles hier immer noch machen dürfen, immerhin bin ich jetzt auch schon 37. Alle aus der Band sind eigentlich so um die 40. Und dass wir immer noch Musik machen dürfen, ist eigentlich unglaublich cool.

MusikBlog: Du sagst es gerade: Ihr zählt schon zu den Erfahrenen in der Musikbranche. Was würdest du denn einem Neuling heutzutage mitgeben?

Carl-Johan: Sei mit Herzblut dabei! Versuche nicht, dich zu verstellen. Solange du auf der Bühne zu 100% du selbst bist, ist es egal, wenn du nicht ganz so erfolgreich bist, weil du dich immer noch im Spiegel anschauen kannst.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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