Wir sind fast verrückt geworden vor Spaß – Max Richard Leßmann im Interview

Mit seiner Indie-Rock-Band Vierkanttretlager galt Max Richard Leßmann vor ein paar Jahren als Sanierer der Hamburger Schule aus Husum. Nach zwei Alben liegt seine Band nun auf Eis. Das gibt ihm die Möglichkeit zu tun, was schon seit Kindesbeinen in seinem Innersten schlummert: Ein elegantes Solo-Album im Big-Band-Stil. Begleitet von echten Bläsern und Streichern macht Sebastian Madsen die Texte seines Kumpels zu einer nostalgischen Zeitreise tief ins vorige Jahrhundert. Ein Gespräch mit dem 25-jährigen Nordlicht über „Liebe In Zeiten Der Follower“, die Sucht zu schreiben und was ihn mit Harry Potter verbindet.

MusikBlog: Max, tut mir leid, aber wenn man wie du so schnell eine Zweitkarriere als Solokünstler hinlegt, muss man sie zwingend mit der Bandkarriere zuvor abgleichen.

Max: Verstehe ich.

MusikBlog: Nachdem du mit Vierkanttretlager eher bodenständigen Indie-Rock gemacht hast – woher kommt denn da plötzlich der Glamour, den du unter dem eigenen Namen versprühst?

Max: Findest du das so glamourös?

MusikBlog: Sehr satt, sehr opulent, viele Streicher, viele Bläser…

Max: Das war schon vorher lange in mir verwurzelt. Denn Ende der Neunziger, so mit sieben oder acht Jahren, war die erste Musik, die mich richtig begeistert hat, der Soundtrack zum Kinofilm „Comedian Harmonists“. Was mich daran so berührt hat, konnte ich zwar nicht konkret benennen, und den Wortwitz habe ich vermutlich auch gar nicht begriffen. Aber es hat mich zum Mitsingen animiert. Seither brodelt diese Art von Musik tief in mir und wollte raus.

MusikBlog: Diese Art heißt Orchestermusik?

Max: Es ging eher um die Art zu singen und den zugehörigen Text. Ich denke Musik immer erst von den Worten her. Sebastian Madsen denkt da ganz ähnlich, aber das Orchestrale hat dann er beigesteuert aus seiner Liebe zu Frank Sinatra, den Beatles, auch Beach Boys. Das teilen wir miteinander, haben aber unterschiedlichen Herangehensweisen.

MusikBlog: Bist du denn Nostalgiker?

Max: Ein bisschen, wie wir alle vermutlich. Ich habe kürzlich mal einen Fragebogen beantwortet, in welches Hogwarts-Haus bei Harry Potter ich denn käme. Da bin ich bei Gryffindor gelandet.

MusikBlog: Besser als Slytherin!

Max: Gehofft hatte ich ein wenig auf Ravenclaw. Das war jedenfalls ein ganz erstaunlicher Test mit großer psychologischer Tiefe. Denn eine Frage lautete, ob mir Erfahrung oder Erinnerung wichtiger sei, also der Moment oder die Vergangenheit. Da hab ich lange drüber nachgedacht und bin am Ende bei Erinnerung gelandet. Ohne Erfahrung ist Erinnerung zwar nicht möglich, aber wenn man sie erst mal hat, zehrt man ungleich länger davon.

MusikBlog: Und was bedeutet das für deine Musik?

Max: Dass wir uns schon am Bestehenden orientieren, aber daraus bitte kein reines Retro-Album machen und im Frack auf der Nostalgie-Schiene fahren. Die Platte ist voll und ganz im Hier und Jetzt verhaftet. Und auch wenn sie sich von der Tonalität her, der Emotionalität, dieser Melancholie an den Comedian Harmonists orientieren mag, stammen die Texte unverkennbar aus unserer Zeit.

MusikBlog: Wobei die schon so eine Art eleganter Nichtigkeit verströmen.

Max: Inwiefern?

MusikBlog: Es geht viel um die Leichtigkeit der Liebe und des Lebens, dessen Probleme nicht gerade überdramatisiert werden.

Max: Ja und nein. Die Musik schlägt vielleicht nicht mehr den gesellschaftlichen Bogen, der Vierkanttretlager teilweise sehr wichtig war. Hier geht viel mehr von mir persönlich aus, berührt die großen Themen aber trotzdem. Ein Song wie „Mann im Stream“ zum Beispiel erzählt davon, wie man sich im Internet verlieren und vor der wirklichen Welt förmlich verstecken kann. Das mag leicht klingen, ist aber keineswegs unkritisch.

Ebenso wie „Lavendelfeld“, der dazu rät, sich von der Konsumgesellschaft abzuwenden und wieder ein bisschen auf Zweisamkeit zu besinnen. Und das sehr leichtfüßige „Ich wünschte“ schildert auf Grundlage eines Gedichtes, das ich mal für meine Freundin geschrieben habe, die Sehnsucht nach gemeinsamer Isolation aus Angst davor, draußen erdrückt zu werden. Das ist trotz der harmonischen Musik fast schon depressiv.

MusikBlog: Sind das denn alles authentische Ausdrucksformen deiner eigenen Gefühle oder abstrakte Zustandsbeschreibungen anderer?

Max: Zurzeit ersteres. Mein erstes Album mit Vierkanttretlager war sehr nah bei mir, das zweite dann eher so eine Abhandlung, die ich unbedingt mal machen wollte. Nun bin ich zum Story-Telling dessen zurückgekehrt, was ich wirklich empfinde.

MusikBlog: Musikalisch bereitest du das, wie gesagt, ziemlich fett auf, deine Stimme hingegen wirkt dagegen irgendwie dünner, unfertig, fast schief. Ist das ein bewusst gewählter Widerspruch oder kannst du einfach nicht besser singen?

Max: Weder noch. Ich habe einfach genauso gesungen, wie es mir vorkam. Insgesamt ist beim ganzen Projekt sehr viel weniger Überlegung als Spielfreude enthalten. Wir sind fast verrückt geworden vor Spaß. Der Gesang kam da von ganz alleine aus mir heraus.

MusikBlog: Du könntest also besser singen, wenn du nur wolltest?

Max: Weiß ich gar nicht. Ich verstehe mich nicht als Sänger, eher als Autor. Schreiben war immer mein Ding, immer. Diese Texte dann zu singen, fühlt sich seit jeher selbstverständlich an, aber ich habe keine sängerische Ausbildung oder so. Das fällt dann vielleicht im Umfeld dieser Art von Sound mehr auf als bei Vierkanttretlager.

MusikBlog: Stammt dieser Sound eigentlich vom Rechner?

Max: Nein! Alles echte Streicher und Bläser, kein Computer. Aber das Orchester besteht unter anderem aus einem Musiker, der mehrere Spuren eingespielt hat.

MusikBlog: So ganz allein warst du also abgesehen von Sebastian Madsen nicht. Warum steht dann nur dein Name auf der Platte?

Max: Die Antwort mag ein bisschen kitschig klingen, aber ich war noch nie so sehr ich selbst wie auf diesem Album. Vierkanttretlager war eine Mischung aus uns allen, hier stammen die Ideen, die Impulse, das Grundgefühl – trotz des enormen Beitrags von Sebastian, der meine Gedanken perfekt instrumentiert hat – vor allem von mir.

MusikBlog: Vorher war es bereits umgekehrt – da hast du für Madsen, aber auch für andere Bands und Künstler die Texte beigesteuert.

Max: Es waren eher gemeinsame Arbeiten als Beisteuerungen.

MusikBlog: Mit 25 Jahren bist du jedenfalls ungeheuer umtriebig – früh eigene Band, jetzt das Soloprojekt, Zuarbeit für andere…

Max: Und dazu schreibe ich auch noch gerade meinen zweiten Roman. Stimmt schon. Ich schreibe halt einfach wahnsinnig gern und liebe es, mich in die Köpfe anderer Menschen hineinzudenken und so ganz neue Welten zu entdecken. Deshalb bin ich auch kein Ghostwriter für Leute, die selber nicht schreiben können, sondern mit denen ich auf Augenhöhe bin, von denen ich also auch lerne. Mit Casper oder Prinz Pi zu arbeiten zum Beispiel ist alles andere als ein einseitiger Prozess, das war eine große Ehre für mich und sehr befruchtend für beide Seiten.

MusikBlog: Ist der erste Roman denn schon raus?

Max: Nee, der muss noch ein bisschen reifen. So gesehen ist der zweite eigentlich der erste.

MusikBlog: Worum geht’s darin?

Max: Sag ich noch nicht. Aber die Themen meiner Musik finden sich darin auf jeden Fall wieder.

MusikBlog: Und gibt es noch eine weitere Baustelle, auf der du schreibend tätig bist?

Max: Nur, dass Sebastian und ich bereits am zweiten Album arbeiten.

MusikBlog: Auch, bevor das erste überhaupt draußen ist. Hast du den Hang dazu, den zweiten Schritt zu machen, bevor der erste getan ist?

Max: Eher den, mehrere Schritte gleichzeitig zu tun. Wenn mich etwas begeistert und inspiriert, hab ich einfach eine extrem hohe Schlagzahl.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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