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Ich will nicht gegen die Zeit kämpfen – Lucy Dacus im Interview

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Auf ihr Debütalbum „No Burden“ (2016) folgte ein Jahr voller Enttäuschungen und Schwierigkeiten für Lucy Dacus. Die Sängerin interessiert sich trotz ihrer jungen Jahre sehr für Politik und war umso besorgter über Trumps Wahlsieg. Anstatt sich aber zurückzuziehen, verarbeitete die Indie-Rockerin ihre Gefühle und Gedanken auf zehn Songs, die sie nun auf „Historian“ zusammengepackt hat. Wir trafen Lucy im Interview und sprachen mit ihr über den Umgang mit Negativem, die Bedeutung von Familie und den Kampf gegen die Zeit.

MusikBlog: Lucy, wie läuft 2018 bisher für dich?

Lucy Dacus: Ich weiß nicht warum, aber 2018 ist im Gegensatz zu 2017 relativ ruhig bisher. Versteh mich nicht falsch, ich hinterfrage das nicht, 2017 war nämlich das seltsamste Jahr in meinem Leben! (lacht)

MusikBlog: Das seltsamste Jahr?

Lucy Dacus: Es war wirklich schrecklich! Allein in Amerika unter Trump zu leben – es liegt eine gewisse Dunkelheit und Gleichgültigkeit in der Luft. Leuten, denen ich eigentlich vertrauen sollte, kann ich nicht mehr über den Weg trauen. Soviel zu den allgemeinen Umständen. Persönlich hatte ich ein paar gesundheitliche Angelegenheiten in der Familie und einige stressige Situationen mit Freunden, die durch Verwirrungen und Missverständnissen entstanden sind. Ich glaube, 2017 war das Jahr der Fehlkommunikationen und hoffe, dass ich nie wieder ein Jahr unter diesem Motto haben werde!

MusikBlog: Du erwähntest eben Trump. Macht dir die politische Situation auch als junge Musikerin so zu schaffen?

Lucy Dacus: Ich bin erst 22, aber ich interessiere mich, wie viele meine Freunde auch, sehr für Politik. Etwas Gutes haben die Wahlen wohl doch gebracht: Viele junge Menschen haben angefangen, politisch Stellung zu nehmen oder ihr Wissen diesbezüglich zu vertiefen, nicht zuletzt durch Bernie Sanders – ich bin übrigens ein großer Sanders Supporter! (lacht)

Ich glaube, die aktuelle Präsidentschaft ist so durchdringend, dass die Leute einfach nicht mehr unpolitisch sein können. Sie hat in gewisser Weise Amerika politisch aufgeweckt, weshalb ich hoffe, dass wir nach all dem hier einfach komplett aufräumen können. Ich habe gelesen, dass dies hier womöglich der letzte Wurf des Konservatismus sein könnte. Zwar nehmen die populistischen Parteien aktuell überall zu, aber diese Aussage gibt mir doch etwas Hoffnung, dass ein Fortschritt vorhanden ist.

MusikBlog: Geht es auf „Historian“ dann überwiegend um Politik und das Jahr 2017?

Lucy Dacus: Nun, ich habe die Songs über die letzten sechs Jahre hinweg geschrieben, also geht es nicht nur um 2017. Das Album behandelt den Umgang mit Problemen und die Frage, ob und wie lange das hoffnungsvolle Gefühl in solchen Momenten anhält. Ich habe mich nicht hingesetzt und auf das Album hingeschrieben, aber mir ist aufgefallen, dass alle Songs die gleiche Thematik aufgreifen: Aufregung und Angst, aber zugleich auch die Hoffnung, die dabei entsteht.

MusikBlog: Ein Kontrast zwischen positiv und negativ also?

Luca Dacus: Bedenke, es gibt immer einen Treibstoff in jeder Schwierigkeit, der dich zu etwas bringt, wofür du dankbar sein kannst. Du kannst nicht über Tod reden, ohne das Leben zu beachten. Du kannst nicht von Verlust sprechen ohne das, was du hast oder hattest zu erwähnen. Ich finde, es ist wichtig, aus schwierigen Situationen zu lernen, woraus solltest du denn sonst lernen, wenn nicht aus Problemen?

Ich denke, man kann auch in der Verzweiflung viel Wissen finden und die Gelegenheit nutzen, daran wachsen. Die Alternative wäre sonst, einzuknicken. „Historian“ behandelt nicht die Frage, ob man eine solche Situation akzeptieren oder nicht akzeptieren sollte. Es geht eher um die Entscheidung, wie man nach Negativem oder Verlust weiterlebt.

MusikBlog: Wo findest du in solchen Momenten denn Halt, bei der Familie?

Lucy Dacus: Ja, aber ich bin ja adoptiert und meine Mutter auch. Wir sind also eine ganz spezielle Version einer Patchworkfamilie. Wir wurden einfach ausgewählt, jemanden Kindes zu sein. Ich bin mit der Mentalität aufgewachsen, dass die Person, die immer bei dir ist und dich formt, deine Familie ist, nicht deine Blutsverwandten. Mittlerweile sehe ich meine Familie zum Teil als Freunde an. Ich schätze die Freundschaft zu ihr mehr als den Status, den wir als Tochter, Vater oder Mutter haben. Deswegen bedeutet es mir mehr, wenn Leute für mich da sind, weil ich bin, wer ich bin, und nicht aus Pflichtgefühl.

MusikBlog: Apropos Familie, der Song „Pillar Of Truth“ fand seinen Ursprung im Tod deiner Oma.

Lucy Dacus: Das stimmt, ich war einfach wirklich beeindruckt von ihrer Fähigkeit, mit dem Tod umzugehen. Sie war eine getaufte Frau, weshalb ein Großteil des Songs sich auf Hymnen und Geschichten aus der Bibel bezieht. Ihr Glaube hat ihr am Ende ihres Lebens sehr viel Kraft gegeben, glaube ich.

Weißt du, sie plante ihre eigene Beerdigung! Alle ihre Töchter versammelten sich mit Notizblöcken an ihrem Sterbebett und sie besprach es mit ihnen – von der Musik bis zum Blumenladen, der das Arrangement machen sollte. Sie war zwar in einer Situation, in dem die Leute sich um sie kümmerten, aber in Wahrheit sorgte sie sich um alle und bereitete uns auf ihren Tod vor. Ich weiß nicht, ob ich jemals ein solches Level an Mut erreichen werde. Ich wollte den Song schon auf „No Burden“ haben, weil ich diese Tat so mutig und selbstlos fand.

MusikBlog: Und weshalb dann erst jetzt?

Lucy Dacus: Die Aufnahmen haben sich damals einfach nicht gut genug angehört. Wir haben den Track aber weiterhin live gespielt und viele Leute kamen nach den Shows zu mir und meinten, dass der Song ihnen viel bedeute. Dass er mir am Herzen liegt, ist klar, ich habe ihn immerhin aus einem bestimmten Grund geschrieben, aber dass andere Menschen ihn so zu schätzen wissen, hat mir gezeigt, dass er einfach aufgenommen gehört.

MusikBlog: Der Track “Night Shift” behandelt dagegen eine ganz andere Art von Verlust.

Lucy Dacus: Richtig. Der Song handelt von einer ganz bestimmten Person und, ganz ehrlich? Ich habe ihr bis zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht verziehen, wie sie mit mir umgegangen ist.

MusikBlog: Du singst aber „I feel no need to forgive but I might as well“.

Lucy Dacus: Die Empfindung in diesem Vers ist eher, dass ich der Person nicht vergeben will, sie hat keine Qualitäten, die sich auszahlen. Aber ich lasse nicht zu, dass dieses Gefühl mein ganzes Leben einnimmt. Ich glaube, die Definition von Vergebung hat mehr mit einem selbst als mit der anderen Person zu tun. Ich möchte der Person nicht vergeben, aber ich werde es letztendlich auf sich ruhen lassen, um vielleicht dadurch mir selbst zu vergeben.

MusikBlog: Manchmal braucht das alles aber eben Zeit. Zeit, die man nicht hat, wie es in „Timefighter“ heißt?

Lucy Dacus: Du fasst es schneller zusammen als ich! (lacht) Es stimmt. Dabei ist es gar nicht so, dass einem die Zeit abläuft. Man macht sich nur unnötig Stress, weil einem das Limit bewusst wird und man versucht das auszugleichen, indem man überproduktiv ist oder sich selbst zu sehr anstrengt. Ich glaube, der Kampf gegen die Zeit ist ein Hauptstressfaktor für viele Menschen, egal, ob sie es wissen oder nicht. Dabei sollte man lieber so viel Erfahrung wie möglich sammeln und froh über das Leben sein. Ich will nicht gegen die Zeit kämpfen, denn es ist unmöglich zu gewinnen.

MusikBlog: Versuchst du denn manchmal, so viel Musikerin wie möglich zu sein, bevor das alles hier vorbei ist?

Lucy Dacus: Weißt du was, ich denke die ganze Zeit daran! (lacht) Ich weiß, dass das alles hier nicht für immer sein wird. Aber genau dieser Gedanke, dass es nächstes oder übernächstes Jahr zu Ende sein könnte, hält mich auf dem Boden. Glücklicherweise gibt es noch so viel, was ich machen möchte. Ich liebe zum Beispiel das Schreiben, nicht nur Songs, sondern generell. Mir macht die Arbeit mit dem Label so viel Spaß, ich könnte mir vorstellen, für eins zu arbeiten oder sogar mein eigenes zu gründen!

Oder nimm meinen alten Job. Ich habe damals von neun bis fünf in einem Fotolabor gearbeitet. Ich könnte jederzeit dahin zurückgehen, es war eine schöne Zeit. Ich kann mir vorstellen, auch mit einem weniger glamourösen Lifestyle zufrieden zu sein. Es dauert 20 Sekunden, um mir der Tatsache bewusst zu werden, dass ich jederzeit zumindest zu einem Zustand zurückkehren könnte, an dem ich mich gut fühle.

MusikBlog: Zurück zu einem Zustand, wo du versprochen hast „niemals die Kleinen zu vergessen, wenn du groß bist“? (Vers aus „Nonbeliever“)

Lucy Dacus: Ich habe diesen Satz sooft gehört, als ich ein Kind war! (lacht) Ich war schon immer eine sehr kreative Person. Schon in der Grundschule habe ich versucht zu komponieren oder habe in Theaterstücken mitgespielt. Deshalb haben die Erwachsenen um mich herum das oft zum Scherz gesagt. Heute bekomme ich es in einem etwas ernsteren Ton gesagt, eher „Vergiss nicht deine Wurzeln!“ und ich will das auch gar nicht. Aber manchmal ist das schwer, wenn man nicht physisch bei der Familie ist.

Wir werden zum Beispiel nächstes Jahr über ein halbes Jahr auf Tour gehen, darunter wird die Beziehung auf jeden Fall etwas leiden. Ich werde aber mein Bestes versuchen, um dem entgegenzuwirken: Ich will besser werden, was das Telefonieren angeht und vielleicht sogar Briefe schreiben. Jetzt verstehe ich nämlich, was die Leute damals meinten: Man verliert sein Zuhause so schnell aus den Augen, ob man es nun will oder nicht.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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