Die Musik war erst Zufluchtsort, dann Medizin – Her im Interview

Als ihr Song “Five Minutes” das Rennen um den “Shot on iPhone”-Soundtrack gewann, war die Welt von Victor Solf und Simon Carpentier noch in Ordnung. Die beiden Her-Verantwortlichen schwappten vor zwei Jahren auf einer riesigen Erfolgswelle. Alles lief perfekt. Die Smartphone-Kampagne und das millionenfach gestreamte EP-Double “Her Tape #1” und “Her Tape #2” bescherten dem französischen Pop-Duo mit deutschen Wurzeln weltweit offene Türen und rote Teppiche.

Doch die Freude über den kometenhaften Aufstieg hielt nicht lange an – denn mitten in dem ganzen Trubel verlor Simon, was kaum einer mitbekam außerhalb des engsten Familien- und Freundeskreises, einen langen, harten, im Stillen geführten Kampf gegen seine Krebserkrankung: Er starb vor wenigen Monaten, im August 2017.

Nach einer wochenlangen Schockphase, klopften die ersten DieHard-Fans des Duos mit großen Fragezeichen im Gepäck an Victors Pforten. Ein halbes Jahr später präsentiert Victor nun die Antwort auf die wohl wichtigste Frage der Her-Anhänger: das fertiggestellte, selbstbetitelte Debütalbum. Kurz vor der Veröffentlichung des Albums trafen wir uns mit Victor zum Interview und sprachen über die heilende Kraft der Musik und die Zukunft von Her.

MusikBlog: Victor, der amerikanische Singer/Songwriter William Fitzsimmons verriet mir einst während eines Interviews, dass Musik die beste Medizin sei. Stimmst du ihm zu?

Victor: Auf jeden Fall. Ich meine, jeder Mensch tickt anders. Wenn ich einen anderen Weg eingeschlagen hätte, würde ich mit der Trauer wahrscheinlich anders umgehen. Aber ich bin Musiker. Und die Musik hat eine unheimlich heilende Kraft in sich. Ich weiß nicht, wie ich die letzten Monate ohne die Musik überstanden hätte.

MusikBlog: Wann hast du für dich gemerkt, dass dir die Musik heilend zur Seite steht?

Victor: Das war ein fließender Prozess. Zunächst diente die Musik als Zufluchtsort. Irgendwann verwandelte sie sich in Medizin. Es gab keinen spezifischen Moment, in dem sich die Wahrnehmung verändert hat. Es ist einfach passiert.

MusikBlog: Als ich das erste Mal davon hörte, dass du gedenkst, das Debütalbum fertig zu stellen, fragte ich mich: Markiert das Album das Ende von Her? Oder beginnt damit ein neues Kapitel?

Victor: Diese beiden Fragen hatte ich natürlich auch in meinem Kopf. Als ich mir klar war, dass ich dieses Album fertigstellen musste, war da erst einmal nur das Gefühl von Dankbarkeit. Ich war dankbar für jede einzelne Sekunde, die ich mit Simon verbringen durfte. Ich meine, wir waren nicht nur Kollegen, sondern auch ganz enge Freunde. Er hätte gewollt, dass ich unsere Arbeit fertig stelle. Das weiß ich ganz genau.

Irgendwann hat sich die Arbeit dann gewandelt. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass Victor mehr gewollt hätte, als nur die Finalisierung unserer gemeinsamen Vision. Ich hatte das Gefühl, dass da noch mehr kommen könnte. Ich bin jetzt froh und happy, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe. So wird unsere gemeinsame Arbeit nicht nur für den Moment festgehalten, sondern auch in die Zukunft getragen.

MusikBlog: Wie weit ist dein Bild von der Her-Zukunft bereits fortgeschritten?

Victor: Ich denke und arbeite nur von Tag zu Tag. Die Band, mit der ich unterwegs bin, fungiert aber als beeindruckendes Fundament. Wir haben bereits live gespielt und uns in dieser Konstellation sehr wohl gefühlt. Im Moment ist es einfach so, dass Simon noch eine große Rolle spielt, auch wenn er nicht mehr unter uns weilt. Ich fühle ihn irgendwie immer noch an meiner Seite. Und auch die Musik klingt für mich so, als wäre er noch immer da.

Wie es aber in einem halben Jahr aussieht? Keine Ahnung. Ich kann dir hier und heute noch nichts versprechen. Ich weiß nicht, was noch kommen wird. Ich weiß nicht, wohin der Her-Weg noch führen wird. Wie gesagt: Momentan plane ich im Hier und Jetzt. Für mehr fühle ich mich noch nicht im Stande. Ich weiß nur, dass die Musik immer da sein wird. Ich arbeite auch bereits an neuen Songs. Aber ob, wie und in welcher Konstellation die irgendwann einmal veröffentlicht werden, weiß ich heute noch nicht.

MusikBlog: Ist das ein Zustand, den du gerade bewusst so steuerst, um dich und dein Innerstes auch irgendwie selbst zu schützen?

Victor: Wenn, dann eher unterbewusst. Diese Gefühlslage ist sehr einschneidend. Man hat eher das Gefühl, dass man geleitet wird. Irgendwann wird es bestimmt auch wieder heller am Horizont. Und dann entscheidet man wieder über Dinge, die die Gegenwart und die Zukunft bestimmen. Heute ist es aber noch nicht soweit.

Heute freue ich mich über das neue Album, super schöne Songs wie “We Choose”, “Neighborhood” oder “Icarus” und über die Tatsache, dass ich meinen Teil dazu beitragen konnte, dass unser gemeinsames Schaffen auf große Reise gehen kann.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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