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Suede – The Blue Hour

RubrikAlben
Künstler*inSuede

Was waren das Anfang der Neunziger für Zeiten! Der eiserne Vorhang war weg, eine friedliche Zukunft schien gesichert, die Brit-Pop-Fabrik produzierte fern jeder Rezession.

Ein viertel Jahrhundert später sind die Mauern wieder da, kriegerische Konflikte gefährlich nah, nur die Helden von einst liefern noch relativ verlässlich, wobei die großen Nummern von damals immer noch mehr im Rampenlicht stehen wie andere Kollegen von einst.

Die Wege der Protagonisten aus der goldenen Ära liefen auseinander. Damon Albarn fokussierte sich als Gorillaz-Papa früh auf digitale Produktionsmöglichkeiten, überlagerte die öffentlichkeitswirksame Fehde eines Brüderpaars aus Manchester fast deren traditionsbehafteten musikalischen Output, widmete Jarvis Cocker zuletzt dem Hotel Chateau Marmont eine komplette Platte.

Da wären noch Suede. Durch seine Vaterschaft neu motiviert, kehrten Frontmann Brett Anderson und seine Mitstreiter 2013 zurück auf die Show-Bühne.

Mit „The Blue Hour“ vollenden sie nach „Bloodsports“ und „Night Thoughts“ ihren Comeback-Dreiteiler, welcher, der Etikette der meisten Musiker ihrer Generation folgend, das jeweilige Album als Gesamtwerk zum Maß aller Dinge macht.

In der band-eigenen Asservatenkammer wird zugegriffen, ohne zu klingen, als hätte man das auf dem Dachboden der Musikgeschichte gefundenes Selbstporträt entstaubt.

Nach wie vor unverwechselbar und, wie etwa in „All The Wild Places“, nahezu allein den Songs tragend, ist das Organ des Frontmanns (seit Frühjahr dieses Jahres mit „Coal Black Mornings“ auch als Literat vorstellig), dick das Fundament aus Pathos, elegisch die Melodiebögen, ausufernd, wenn Suede von den Streichern des Prague Philharmonic Orchestra unterstützt werden, Gitarren, die furiose Glanzpunkte („Chalk Circles“) setzen.

Neue Stilmittel, Dialoge, Chöre, Spoken-Word-Parts und Feldaufnahmen lassen „Dead Bird“ & Co. so im Vernebelten wie die erzählten Storys aus maroden Biografien in ebensolcher Umgebung unvollendet bleiben.

„Life Is Golden“? Nein, die Themen, die Anderson und Kollegen „aus dem urbanen in den ländlichen Lebensraum“ verlagerten, besagen im Kern: Suedeland ist nirgendwo Wohlfühloase, eher überall „Wastelands“, ist klagend, untröstlich, euphorisch, und zu Hause höchstens im Schoß der Melancholie.

In Zusammenarbeit mit Produzentenlegende Alan Moulder beweisen die Herrschaften erneut, warum sie eine der größten Nummern waren, die die Brit-Pop-Ära hervorbrachte. Sude haben weder das Hymnen-Schreiben („Tides“, „Cold Hands“) noch die sensiblen Stücke („The Invisibles“) verlernt.

Wenn eine Band in Würde altert, hört sich das an wie Suede im Jahr 2018.

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