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Die Wahrheit steht unter Beschuss – Foals im Interview

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2019 haben die Foals Großes vor. Mit einer einfachen Platte haben sich die Briten nicht zufrieden gegeben. „Everything Not Saved Will Be Lost“ Part 1 und 2 ist ein gesellschaftskritisches Doppel-Album, dessen Hälften im Frühling und im Herbst erscheinen. Mit Sänger Yannis Philippakis sprachen wir in einem intensiven Interview über den Entstehungsprozess, die Probleme des Individualismus‘ und die Frage, ob diese Welt überhaupt noch zu retten ist.

MusikBlog: Euer neues Album heißt „Everything Not Saved Will Be Lost“. Glaubst du wir sind noch zu retten?

Yannis Philippakis: Ja, ich glaube schon. Eigentlich impliziert der Titel das. Es ist der Wunsch nach Aktion. Es ist eine Warnung. Ich würde keine Warnung aussprechen, wenn ich denken würde, dass es nicht noch die Möglichkeit der Rettung gibt. Wir wollten einen provokativen Titel, der zum Nachdenken anregt. Aber abgesehen davon, ist es auch einfach ein Statement, das wiedergibt, wie ich mich angesichts des aktuellen Weltgeschehens und auch dem künstlerischen Prozess fühle. Es ist eine multidimensionale Aussage, die sich auf verschiedene Themen bezieht.

MusikBlog: Welche Themen denn?

Yannis Philippakis: Das Erste ist definitiv die Idee, dass wir gerade Gefahr laufen, große Aspekte unserer Natur zu verlieren. Offenbar erleben wir gerade das sechste Massenaussterben hinsichtlich der Tierwelt und die Zerstörung von Lebensraum. Ansonsten geht es auch darum, wie wir uns selbst immer mehr verlieren. Nicht nur im Bezug auf das Thema Natur, sondern auch, weil es so viele schnelle Veränderungen in den letzten Jahrzehnten gab, die wir überhaupt nicht ganz verstehen können, weil uns die Zeit und die Fähigkeit fehlt, das alles zu verarbeiten. Ich finde, man muss eine gewisse Vorsicht entwickeln und auch über die Dinge nachdenken, die unter dem Deckmantel des Fortschritts verloren gehen.

MusikBlog: Hast du dafür ein Beispiel?

Yannis Philippakis: Ich spreche vor allem darüber, wie der technische Fortschritt unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und das Verhältnis zu unserer physischen Umgebung modifiziert hat. Die Städte und unsere Kommunikation haben sich in den letzten Jahren einfach extrem verändert. Face-to-Face-Gespräche sind mittlerweile eher die Ausnahme als die Regel.

MusikBlog: „Everything Not Saved Will Be Lost“ ist ein Doppel-Album. Was verbindet Part 1 und Part 2?

Yannis Philippakis: Was sie offensichtlich verbindet ist, dass sie von den gleichen Leuten zur gleichen Zeit erschaffen wurden. Während des kreativen Prozesses hatten wir gar nicht die Konzeption eines Doppel-Albums vor Augen. Wir arbeiteten einfach an einem breitgefächerten Körper von Material. Als dann alle diese Ideen fertiggestellt waren und wir uns entschieden hatten 20 Songs zu veröffentlichen, mussten wir uns mit der Frage auseinandersetzen, wie wir das machen wollen. Wir hatten nicht 20 erste Hälften oder 20 halbfertige Nummern, sondern fertige Stücke, unter denen mehr als ein Opener und mehr als ein Zentralstück waren. Sie sind aber auch durch die Lyrics verbunden, die sich mit den gleichen Problemen oder Sorgen auseinandersetzen. In vielerlei Hinsicht ist Part 2 eine Antwort auf Part 1.

MusikBlog: Und wo liegt der Unterschied?

Yannis Philippakis: Sie haben einfach unterschiedliche Charaktere. Sie sind Zwillinge, aber keine eineiigen. Sie haben verschieden Texturen. Das zweite Album ist deutlich mehr von Gitarren getrieben, während Album Nummer 1 in einigen Aspekten eher elektronisch ist.

MusikBlog: Wie habt ihr entschieden, welcher Song auf welches Album kommt?

Yannis Philippakis: Diese Frage war ganz lange unklar. Hauptsächlich haben wir das über Trial-And-Error gelöst. Wir haben uns das ganze Material oft in verschiedenen Kombinationen angehört und darauf geachtet, welche Songs sich zu einem Ganzen vereinigen. Es war so, als hätten manche Nummern Freunde. Es gab sozusagen zwei verschiedenen „Gangs“. Dann hat es einfach viel Zeit gebraucht, um das in den richtigen Fluss zu lenken. Natürlich gab es während dieses Prozesses viele Diskussionen und viele verschiedenen Versionen. Und trotzdem haben wir in letzter Minute einige Songs nochmal rumgeschoben.

MusikBlog: Warum die Zeitspanne zwischen den Veröffentlichungen?

Yannis Philippakis: Ich war ehrlich gesagt nie ein großer Fan von Doppel-Alben, weil man sich schnell überwältigt fühlt und das Hören dann schnell zur Belastung wird. Deswegen war es mir wichtig, dass es Proportionen in irgendeiner Art gibt. Wir dachten, wenn wir erst ein Album veröffentlichen, haben die Leute Zeit, um sich reinzuhören, sich zu verlieben und die Songs haben ein bisschen Zeit zum Atmen. Dann gehen wir auf Tour und bringen die zweite Platte raus, die dann ihre eigene Aufmerksamkeit bekommt. Hätten wir beide gleichzeitig veröffentlicht, dann wäre das erdrückend gewesen. Außerdem bringen wir so auch frischen Wind in die Tour. Nach ein paar Monaten bekommen wir eine Injektion von neuem Material, sozusagen neues Blut.

MusikBlog: Nach eurem letzten Album „What Went Down“ wolltet ihr eine radikale Veränderung. Was ist die Radikalste?

Yannis Philippakis: Ich denke, das war die Eigenproduktion. Wir waren einfach müde, die Meinung anderer Leute zu unserer Musik zu hören. Dadurch, dass wir auf einen Produzenten verzichtet haben, konnten wir uns so viel Zeit nehmen, wie wir wollten. So hatten wir die Möglichkeit, lyrisch neue Themen auszuprobieren und unsere Sound-Palette zu erweitern. Die Songs sind weniger vorhersehbar und haben mehr Ecken und Kanten.

MusikBlog: Wie hat der Ausstieg von Bassist Walter Gervers euren kreativen Prozess verändert?

Yannis Philippakis: Wir mussten uns natürlich anpassen. Wir konnten die Sache nicht so angehen wie vorher. Aber die Phase nach „What Went Down“ fühlte sich in vielerlei Hinsicht wie das Ende eines Kapitels an. Als Walter die Band verlassen hat, hat uns das vorangetrieben, anders zu arbeiten, weil wir einfach keine Wahl hatten. Wir waren physisch nicht in der Lage alles so zu machen wie immer. Dieses Mal haben wir viel früher angefangen, im Studio zu arbeiten und haben eine andere Beziehung zu den Songs entwickelt. Ich habe die Musik oft eher von einem Hörer-Standpunkt aus betrachtet. Man könnte sagen, der Ausstieg von Walter hat uns neue Perspektiven erlaubt.

MusikBlog: Eine Zeile in „Syrups“ lautet: „Now the sea eats the sky / But they say its a lie”. Wer ist “they”?

Yannis Philippakis: In erster Linie natürlich auf Menschen, die den Klimawandel leugnen. Aber für mich auch besonders Menschen in Machtpositionen. Menschen, denen daran gelegen ist, die Lüge am Leben zu halten. Eigentlich ist das eines der größten Probleme unserer Zeit: Fakten und Wahrheiten werden aus allen Ecken attackiert. Das Bild an sich – der Ozean isst den Himmel, sprich die Natur wird zur Gefahr – ist ziemlich offensichtlich. Indem ich gleichzeitig aufzeige, dass es Leute gibt, die diese Fakten bestreiten gehe ich auf dieses Problem ein. Ich meine, die offensichtliche Wahrheit wird manipuliert, und zu viele Menschen leben in einer parallelen Realität, in der objektive Fakten plötzlich keine Macht mehr haben.

MusikBlog: Ihr befasst auf euch „Everything Not Saved Will Be Lost“ mit vielen aktuellen Problemen. Fühlst du dich überwältigt von der schieren Masse an Dingen, die nicht laufen wie sie sollten?

Yannis Philippakis: Ja, absolut. Obwohl ich glaube, dass diesen vielen verschiedenen Dingen ein großes Problem zu Grunde liegt und zwar die Erzählung, mit der wir bei unserer Erziehung im westlichen Europa gefüttert werden. Wir werden so erzogen, dass dem individuellen Glücklichsein die größte Wichtigkeit beigemessen wird. Du sollst deinen individuellen Wünschen folgen, deine Entscheidungen sollen respektiert werden und du sollst unabhängig sein. Die ganze Betonung liegt auf dem Individualismus. Das Paradoxon daran ist, dass alle großen Probleme, denen wir gerade gegenüberstehen nicht durch individuellen Aktionismus gelöst werden können.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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