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Tocotronic – Live in der Philharmonie, Köln

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Wer während eines Konzerts in der Kölner Philharmonie den Heinrich-Böll-Platz überqueren möchte, wird von Wachmännern höflich davon abgehalten und dazu aufgefordert, doch bitte den Umweg entlang der Markierung zu nehmen.

Denn Schrittgeräusche oder Ähnliches könnten den akustischen Hochgenuss im darunter gelegenen Konzertsaal beeinträchtigen. Am gestrigen 3. Mai hätte man den Ordnern getrost freigeben können. Denn dieser Abend ist wahrscheinlich der erste in der Geschichte der Philharmonie, an dem die Gäste den Heimweg mit dröhnenden Ohren antreten.

Ein weiteres First dürfte sein, dass die berühmten Streicher aus Sergei Prokofjews „Rittertanz“ aus der Dose kommen, denn Tocotronic haben sich kein klassisches Ensemble eingeladen, sondern lassen das Intro vom Band laufen.

Für alle Beteiligten ist das Setting zu Beginn ungewohnt. Die Distanz zur Bühne und die Sitzplätze sind nicht gerade das, was man sich unter einem Rockkonzert vorstellt. Denn wer dachte, die Hamburger hätten sich etwas Besonderes für diese Location ausgedacht, der wurde enttäuscht.

Es hat ein bisschen was von einem wohligen Fernseh-Abend mit Konzert-DVD: Man sitzt auf den gemütlichen Polstern und schaut den vier Herren von Tocotronic dabei zu, wie sie in bunt getauchtem Licht ihre Songs runterspielen.

Die blauen Platzanweiser laufen hektisch hin und her und weisen immer wieder daraufhin, dass Handys und jegliche Art von Fotos in diesen heiligen Hallen komplett verboten sind, bis schließlich auch der Letzte kapituliert und das Endgerät in die Tasche steckt.

Es dauert genau vier Songs, bis das Eis gebrochen ist. Nachdem die ersten Zuschauer aufgestanden sind, kommt nach „Drüben auf dem Hügel“ aus dem Publikum die höfliche Nachfrage: „Dürfen wir jetzt pogen?“.

Auf die Erlaubnis müssen sie nicht lange warten: „Es ist gestattet, sich daneben zu benehmen. Schließlich ist das hier ein Rockkonzert.“ Das lassen die Kölner sich nicht zweimal sagen.

Die Gänge füllen sich und spätestens nachdem Dirk von Lowtzow alle dazu auffordert, aufzustehen und gemeinsam das Lied der bedingungslosen „Kapitulation“ anzustimmen, hält es niemanden mehr auf seinem vorgesehenen Platz. Die einzigen die hier kapitulieren, sind die Ordner, die es aufgegeben haben, in dieses Spektakel einzugreifen.

Abgesehen von seinen Texten ist von Lowtzow ziemlich wortkarg. Er schwingt keine großen Reden oder erzählt Anekdoten, sondern lässt die Songs sprechen.

Für die Unterstützung zu „Aber hier leben, nein danke“ muss er das Publikum nicht lange bitten. Während sich auf der Bühne der Nebel breit macht, schallt es von den Rängen immer wieder beherzt und im Brustton der Überzeugung „Nein danke“.

Mit dem letzten Akkord brüllt Lowtzow ein „Halt’s Maul Deutschland!“ ins Mikro und reckt dazu seine Faust in die Luft. Manchmal bedarf es eben keiner vielen Worte.

„Ihr habt gezaubert! Hier an diesem Ort so eine Stimmung hinzukriegen. Ihr seid Zauber-Köln!“, beweihräuchert von Lowtzow das unermüdliche Publikum vor „Nach Bahrenfeld im Bus“ und „Letztes Jahr im Sommer“, den beiden letzten Songs des regulären Sets.

Aber Tocotronic wären nicht Tocotronic, wenn sie sich nicht zu mehrfachen Zugaben hinreißen ließen. Schließlich ist der Mann im Sakko auch immer noch am Tanzen und am Klatschen.

Die zweite Zugabe endet mit „Pure Vernunft darf niemals siegen“, und während so manch anderer sich sicher zu allerlei Lalala-Publikumschören hätte hinreißen lassen, spielen Tocotronic die Nummer einfach runter und verabschieden sich.

Während die Ersten sich zum Outro in der noch unbeleuchteten Philharmonie ihren Weg nach draußen suchen, klatschen und johlen andere noch immer.

Verwirrte Schulterblicke zur Bühne – ist da etwa noch jemand? „Da kommt nix mehr“, beschließen viele und gehen. Von wegen – nach dem Outro betreten Tocotronic für den mittlerweile halb leeren Konzertsaal erneut die Bühne:

„Wir haben den Abend mit einem Song aus der Vergangenheit begonnen und beenden ihn mit einem Lied aus der Zukunft. Die Unendlichkeit.“

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