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Primavera Sound 2019

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Normal ist nichts.

Hat man Kummer, dauert es laut einer Studie 7.689.600 Sekunden ihn zu überwinden. Angeblich. Dieses und jedes andere Gefühl wird immerhin auch durch 10.800 Sekunden Social-Media-Eskapismus am Tag getilgt. Die Wissenschaft hält das für normal: Zeittotschlag als broken-hearttreatment. 

Flucht in die dystopische Vorstellung des algorithmisierten Parallelkosmos – ewig stampft die Datenbank.

Der Unterschied der millennialen Furcht vorm Digital Takeover und dem Gen-Z-Glauben an eine bessere Realität, ist gleichsam unerheblich, wenn Héloïse Letissier alias Christine And The Queens am Donnerstagabend jedem, der zwischen ihr und dem Mittelmeer steht, vorschlägt, „nur eine Regel aufzustellen, bloß einer Wahrheit zu glauben: „Keine Vorurteile, nur Liebe. Ihr könnt sein, was wir wollt – seid out.“ 

Dass dieses Mantra die Sängerin als Vorreiterin einer uneingeschränkten Selbstbestimmtheit bereits auf ihrem aktuellen Album „Chris“ zu einer Kulturagentin erhebt, die das, was für normal gehalten wird, mit Disco-Glam, Revue-Pop, einer Mischung aus Kitsch und Modern Dance sowie ironisch-unironischer Zitation männlicher Rockstarklischees karikiert, macht sie zu einer idealen Opening-Headlinerinnen der 19. Ausgabe vom Primavera Sound Festival. 

Seit dem Tod ihrer Mutter hatte die Französin im Übrigen nur 3.801.600 Sekunden, also ziemlich genau die Hälfte an Zeit, die vermeintlich schlaue Menschen zur Verarbeitung solch einschlägig negativer Gefühlsstöße ausgemacht haben.

Die „schräge Liebe“ wie Christine And The Queens sie nennt, ist frei von solchen Zuschreibungen. Weiter ist sie nicht nur das Fundament ihrer poppig-glamourösen Außenseiterhymnen. Sie ist auch die Gewissheit, an diesem Abend mit großem Stolz, gütiger Reflexion und fundamentaler Offenheit zu performen. 

The New Normal, die wokeness auf dem Primavera, ist so allgegenwärtig wie Saufspiele auf deutschen Majors und zeigt, dass es gegebenenfalls noch keinem Festival so lückenlos gelang, kulturelle Grenzen einzureißen und vor allem die Logik einer binären Geschlechtervorstellung zu demontieren.

Was oder wer ist schon normal? Niemand. Dieses Bewusstsein führte im Parc del Fòrum dieser Tage zum vielleicht europäischsten Festival, dass es je gab.

Was deutsche Majorfestivals verpennen.

Korn, Slipknot, Die Toten Hosen – die Namen der diesjährig deutschen Majorfestival-Headliner lesen sich wie das stahlsaitige Pendant zu einer Fussball-Kreisliga-Mannschaft im Landeflug auf Lloret de Mar: laut, rotköpfig, kontrollaversiv und irgendwie so derbe männlich, dass einem der Schutzpanzer aus Testosteron und Angst vorm Feminine Takeover selbstredend verdächtig vorkommen muss.

Im Grunde irritierend, bedenkt man, dass in der gegenwärtigen Festivalkultur kaum ein Thema so viel berechtigten Raum einnimmt wie die Debatte um Gender-Balance.

Das Beste: Auf dem Primavera spielen nicht überwiegend Frauen, um ein sensationalisiertes Statement über Gender Equality zu setzen. Sie spielen hier in der Mehrzahl, weil sie’s einfach besser drauf haben – das neue Normal eben.

Über The New Normal wurde im Vorfeld so viel gesprochen, dass an das Primavera eine möglicherweise erstmals für selbstverständlich gehaltene Erwartung des ganz und gar vorurteilsfreien Raums gestellt wurde.

Dass die Generation Z The New Normal ohnehin nicht hinterfragt, macht den Claim auf fade Weise auch zum Reminder an jeden Einzelnen, der immer noch hinterm Mond lebt. Wenn Bookern von Hurricane, Southside, Rock am Ring und Co. das nicht klar ist, dann nur, weil ihnen das Blut dort fehlt, wo die Versorgung eigentlich wichtiger als im Penis wäre.

Happy Pride Forever.

Das Primavera darf sich nicht nur in puncto gender-ausgeglichenem Booking (was nicht weniger als einen historischen Moment in der ewigen Majorfestival-Historie markiert) auf die Schulter klopfen, sondern sich auch über ein komplett reibungsloses, von über 220.000 Leuten besuchtes Get-Together freuen, bei dem nicht nur niemand zu Schaden kam, sondern auch niemand auch nur irgendwo länger als zehn Minuten hätte warten müssen.

Gut, einmal vielleicht: Als J Balvin am Samstagabend Spaniens zu diesem Zeitpunkt fraglos größte Reggaeton-Party einläuten will, verzögert sich der Drop Off, weil Solange auf der gegenüber liegenden SEAT-Stage eben solange überzog – pun intended!

Wem allerdings, wenn nicht Beyoncés jüngerer Schwester, sei das verziehen. Nicht zuletzt auch, weil sie einen Auftritt hinlegt, der neben Pop, R&B, Dance, Neo- und Retro-Soul unendlich viel Grandezza offenbart, welcher Familie Knowles wohl von Haus aus anheim fällt.

Mit Kali Uchis, Boy Pablo, Nathy Peluso, erwähntem J Balvin und nicht zuletzt Rosalía waren es dann vor allem Latin-geprägte Acts, die die Menschen aus ihrer Siesta am Samstag direkt in den Parc del Fòrum spülten. Das wurde an den beiden voran gegangenen Tagen tatsächlich anders kalkuliert: 

Der Donnerstag steht mit Nas (der als 45-jähriger vielleicht die meiste Luft in der Lunge hatte) und Future (der es sich als einziger Trap-Botschafter mit Weltrang erlauben konnte, den Performance-Großteil seinem DJ zu überlassen) durchaus im Zeichen des Urban-Segments.

Als insbesondere Erykah Badu ihr Set nach anderthalb Stunden zu Ende bringt, kann man überhaupt nicht anders, als She Ill für den unbesiegbarsten Menschen der Welt zu halten: 

Wer in einer Reihe mit Betty Davis, Bessie Smith und Aretha Franklin genannt werden muss, dabei noch Zeit hat, den Drumcomputer selbst zu bedienen und Gospel, Soul sowie Hip-Hop zu einem Set verrührt, das über 50.000 Kinnladen bis auf den luftigen Kunstrasen zwischen SEAT- und Pull&Bear-Stage sinken lässt, über den ist Essentielles gesagt. 

Wo alte Rock-Tausendsassa noch den Moshpit brauchen, um sich ihrer selbstgefälligen Wichtigkeit zu vergewissern, hebt eine Badu bloß den Zeigefinger zum einzig leuchtenden Stern, um besagte Kinnladen zu einem synchronen Himmelblick anzuleiten.

Der Freitag wiederum ließ keinen Zweifel daran, dass der Soundtrack zur Verwirklichung des Glaubens an eine bessere Welt, an lebensweltliche und geschlechtliche Diversität schon immer am besten im Pop aufgehoben war – wenngleich alleine Janelle Monáe diesen Dachbegriff in alles Vorstellbare zerlegt. 

Als Stilchamäleon wandert die Lady in Pynk durch jedes Genre, als wäre es nur ihres, ruft kurzerhand einen juicy Tanzbattle mit Fans aus der ersten Reihe aus und schreibt quasi nebenher antiquierte Pop-Codes um, für die man zuletzt möglicherweise nur noch veritable Verachtung übrig haben durfte:

Jackos Schrittgriff und der ikonische Moonwalk jedenfalls gehören jetzt Monáe – genauso wie der Stage Dive, den sie gleich mit resemantisiert und von der Idee einer heteronormativen Männlichkeitsgeste entreißt: „Happy Pride Forever!“.

Kritik, wo’s nichts zu kritisieren gibt.

Nochmal: Das Primavera war 2019 ein komplettes Festival. Wo neben tadelloser Organisation, perfekt vorbereitetem Einweisungs-, Security- und Gastropersonal sowie kollektivem Veranstalter-Besucher-Branding und Corporate Identity eigentlich kein Anlass zur Kritik ist, hat lediglich das wahnsinnige Line-Up den ein oder anderen atmosphärischen Tribut gefordert. 

Wenn der larmoyante Indie-Connaisseur innerhalb von fünf Minuten von Lucy Dacus zu Snail Mail (wenn auch zwischen Primavera- und Ray Ban-Stage nur 200 Meter) schlurfen muss, sich Carly Rae Jepsen, Janelle Monáe, Miley Cyrus, Tame Impala und Robyn auf den Main Stages die Klinke in die Hand geben und Acts wie Little Simz und Stereolab, Neneh Cherry und Solange sowie Beak> und Kurt Vile zeitparallel spielen, dann ist das Angebot auf dem Primavera schlichtweg zu gigantisch – was hier und da zu voreiligen Auflösungserscheinungen im Publikum führte, obwohl die entsprechenden Acts gerade dabei waren, ihre finalen Showhighlights zu performen.

Nichtsdestotrotz ist man geneigt zu sagen: Fair enough!

An anderer Stelle fällt es dem Primavera dann wieder ziemlich leicht, die richtige Balance aus aufstrebenden Newcomer*innen mit noch recht charmanter Schüchternheit (Tirzah, die das Rockdelux-Auditorium mit ihrer alternativen R&B-Indietronica wundersam einlullt oder etwa Chai, deren zuckerwattiger J-Pop-Punk eine unglaublich ernst zu nehmende Durchschlagskraft auf internationaler Ebene vorausahnen lässt), lokal gefeierten Matadoren wie Derby Motoreta’s Burrito Kachimba, Stars von unsagbarem Weltrang, aber auch etablierten Rock-, Folk- und Garage-Magneten wie Courtney Barnett, Miya Folick oder Liz Phair zu finden, die vor diesem Publikum fast schon stiefväterlich-brav ihren wavig-krautigen Post-Rock-Entwurf runterspielen.

Primavera 2020: Pavement feiern Reunion.

Das Primavera, so viel lässt sich sagen, hat das Verschwinden einer Tendenz, den Einsturz des hetero-festgefahrenen Normalitätsglauben nochmal unterstrichen und für den viel zitierten Aufbruch in ein zeitgemäß europäisches Miteinander den passgenauen Soundtrack geliefert.

Während auf dem splash! immer noch Bewertungsschilder (1 – 10) zur Beurteilung des äußeren Erscheinungsbildes so salonfähig sind, dass dort Männer vor Frauenduschen kampieren, fällt die Übergriffigkeit eines dem Untergang geweihten Kulturkonservatismus andernorts sogar noch extremer aus.

Es kann gar nicht ausreichend genug gelobt werden, wie sehr es den Primavera-Veranstalter*innen gelungen ist, ihre Idee eines autonomen Freiraums innerhalb des capitalist realism auf einen für jeden zugänglichen Identifikationskontext zu münzen.

Als wäre das nicht schon das ausreichende Argument zur Kundenbindung, gibt’s beim Verlassen des Geländes in den letzten Stunden auch noch eine Postkarte in die Hand, die nahelegt: Die Pavement-Reunion wird 2020 auf dem Primavera stattfinden. Buenas noches y dulces sueños!

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