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Pearl Jam (Credit Danny Clinch)

Pearl Jam – Gigaton

Eigentlich hat keiner Bock auf Veränderungen. Klar hat jeder schon versucht, sich alte Weisheiten wie Hesses „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” nach Trennungen, Umzügen oder sonstigen Veränderungen zu Herzen zu nehmen, aber Spaß macht das keinen.

Wer sich noch vor zwei Wochen über sein stressiges Sozialleben beschwerte und sich – während man sich mühevoll von der Couch quälte – wünschte, das Fitness-Studio hätte einfach geschlossen, so dass man guten Gewissens statt Trainieren einfach  Fernsehen gucken könnte, dem erscheint nun ein gemeinsames Workout wahrscheinlich wie der siebte Himmel.

Dass Veränderungen auch in der Musik unerwünschte Gäste sind, zeigte jüngst die Reaktion auf Pearl Jams „Dance Of The Clairvoyants”. Die Wenigsten ließen ein gutes Haar an der experimentierfreudigen Vorab-Single zu „Gigaton”.

Zu tanzbar, zu modern und seit wann sind denn bitte Synthies Bestandteil von Pearl Jams Sound? Man hatte schlimme Befürchtungen für das 11. Studio-Album der Grunge-Urväter – zu Unrecht.

Denn schon der Opener „Who Ever Said” zeigt eindrücklich, dass sich Pearl Jam auf  „Gigaton” nicht vorrangig der Experimentierfreude hingegeben haben, sondern vielmehr – im positivsten Sinne – ihre eigene Sound-Stagnation zelebrieren, die hier und da mit einer Prise Pfeffer oder Weichspüler aufpoliert wird.

„Who Ever Said” lässt die Synthie-Stimmung schnell hinter sich und galoppiert mit klassischem Schlagzeug und einem Riff, das man auch ohne Probleme auf „Vitalogy” hätte unterbringen können, Richtung typische Eddie-Vedder-Gesangsmelodie, bevor der Frontmann sich in der linearen Steigerung des Mittelteils aus der Reserve locken lässt und in Rage singt. Sein gekeiftes „Satisfaction” würde spätestens jetzt jeder Pearl-Jam-Fan der ersten Stunde unterschreiben.

Dass „Superblood Wolfmoon” sich ohne Probleme sofort in den Backkatalog der Seattler einreiht, muss man gar nicht diskutieren. Und auch „Dance Of The Clairvoyants” versprüht mit jedem Hören eine Spur mehr Versöhnlichkeit.

Selbst Eddie Vedder konnte nicht ahnen, welche Wucht in der derzeitigen Krise Zeilen wie „When every tomorrow / Is the same as before / Numbers keep falling off the calendar’s floor / We’re stuck in our boxes / When it’s open no more” haben und bringt damit ungeahnt nicht nur den Zustand des Klimawandels, sondern auch die Herausforderungen der gegenwärtigen Corona-Krise auf den Punkt.

Immer wieder flechten Pearl Jam auf „Gigaton” – in Gigatonnen wird beispielsweise das Abschmelzen der Pole gemessen – ruhigere Töne ein und erinnern so an Vedders Solopfade.

„Seven O’Clock” beispielsweise entführt mit seinen sechs Minuten auf eine fließende Reise zwischen Synthie-Spielereien und aufgeblasenen Arrangements, die dank Vedders vertrautem Gesang nie den Boden unter den Füßen verlieren.

Pearl Jam lassen „Gigaton” nicht mit Wut zu Ende gehen, sondern beenden ihr 11. Studio-Album mit zwei Balladen.

Und wenn Eddie Vedder in „Retrograde” zu opulenten Klangflächen davon singt, dass die Sterne sich ausrichten, wenn wir in besseren Zeiten angekommen sind, dann mag das pathetisch und wenig innovativ sein, aber vielleicht auch genau den Funken Hoffnung säen, den gerade so viele brauchen.

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