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Thomas Azier (Credit Obi Blanche)

Thomas Azier – Love, Disorderly

In Zeiten von Spotify werden Musikvideos immer mehr zu einer nostalgischen Erinnerung an Zeiten, in denen Musikfernsehen noch eine ernstzunehmende Rolle abseits der größtmöglichen Vielfalt von Trash-TV-Formaten spielte.

Umso schöner, dass es trotzdem noch einige Künstler gibt, die ihre auditiven Werke mit visuellen verstärken. Einer davon ist der Niederländer Thomas Azier, der bereits mit seinem Video zu „Verwandlung“ von 2014 mehrere Preise abräumte.

Es überrascht demnach nicht, dass auch sein neues Album „Love, Disorderly“ mit visuellem Content daherkommt und gleichzeitig den Beweis liefert, dass das alles andere als überflüssig ist.

Denn der Clip zum Titeltrack „Love, Disorderly“ wirft mit seiner asynchronen Erzählweise einen treffenden Blick auf die Irrungen und Wirrungen unserer Zeit und verstärkt den Song so in seiner verstörenden Wirkung.

Was Thomas Azier da zusammen kocht, klingt mit Gesprächsfetzen, disruptiven Steichern, pochernden Beats und einer Stimme irgendwie zwischen Nine Inch Nails und Marilyn Manson mindestens nach Alien-Invasion.

Deren Planet scheint zumindest zu Teilen auch von Wüste bevölkert zu sein, denn gleich im nächsten Song „Hold On Tight“ klingen die Trompeten mit ihren Einwürfen trotz durchdringendem Streicher-Staccato wie der perfekte Soundtrack zu Red Dead Redemption.

Im großen Final-Battle zwischen Aziers von Auto-Tune verzerrter Stimme und den kristallklaren Blechbläser-Phrasen sieht man den Western-Helden in Zeitlupe von seinem Pferd fallen und sich in Staub auflösen.

Man kann nichts dagegen tun – die cineastischen Songs von Azier lassen im Kopf ganze Filme entstehen. Das ist nicht immer förderlich, denn „Love, Disorderly“ ist keine Platte für nebenbei, sondern erfordert mit seiner konstanten Theatralik und wenigen linearen Songstrukturen aktives Zuhören.

Nur „For Tsoy“ säuselt sich mit zurückhaltendem Beat und einer eingängigen Melodie auf direktem Weg in den Gehörgang und ist so eine willkommene Abwechslung gegen Ende von „Love, Disorderly“.

Was folgt, weckt erneut Reminiszenzen an Marilyn Manson, der damals großen Erfolg mit einer Cover-Version von „Tainted Love“ feierte. Azier schlägt einen leicht helleren Weg ein und verpasst „Freed From Desire“ mit sakralen Orgelklängen einen neuen Anstrich, bevor er den Hörer mit „Open Your Arms“ dem Chaos des eigenen Kopfes überlässt, das diese acht Songs in der letzten halben Stunde aufgewirbelt haben.

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