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Courtney Marie Andrews (Credit Alexa Viscius)

Courtney Marie Andrews – Old Flowers

Herzschmerz-Platten bergen immer die Gefahr des Fremdschäm-Faktors: Für Menschen, die gerade keine Trennung durchmachen, klingen sie oft zu selbstmitleidig, weinerlich, nostalgisch verklärt.

Dass man sich mit einer solchen Thematik auch elegant beschäftigen kann, zeigt Courtney Marie Andrews auf ihrem neusten Album „Old Flowers“ und zwingt einen geradezu, große Vergleiche zu ziehen.

Die Stimme der Singer/Songwriterin fasziniert dabei von der ersten Note an. Musikalisch befindet sie sich irgendwo im – durch die Eckpfeiler Country, Folk und Americana abgesteckten – Feld, das vielleicht nicht jedermans Sache sein mag.

Trotzdem sollten gerade diejenigen hier genau zuhören. Denn Andrews spricht zu ihren Hörer*innen wie eine enge Freundin und gibt persönliche Details zu einer vergangenen Beziehung preis – und teilt Überlegungen, die man nach deren Ende so anstellt.

Auch sie kommt dabei natürlich nicht um eine gewaltige Portion Melancholie herum, was bei einem Trennungsalbum wohl in der Natur der Sache liegt. Trotzdem schafft sie es, auf „Old Flowers“ verschiedene Aspekte einer langjährigen Beziehung in zehn Songs zu packen und dabei nicht in Selbstmitleid zu zerfließen.

Das soll nicht heißen, dass das Album nicht emotional aufwühlend ist, ganz im Gegenteil. Wenn Andrews auf dem Opener „Burlap String“ singt „But deep down you know the truth / There’s no replacing someone like you“, tut sie das mit so viel Gefühl in ihrer Stimme, dass man am liebsten mit einer riesigen Packung Eiscreme und Taschentücher zu ihr fahren würde, um ihr zu sagen, dass alles wieder gut wird.

Aber, und das unterscheidet „Old Flowers“ von der breiten Masse der Trennungsalben, Andrews‘ Songs kippen trotz ihres gebrochenen Herzens nicht ins Melodramatische. Gar nicht so selten gibt es optimistische Momente, manchmal meint man sogar ein bisschen Selbstironie herauszuhören.

Beispielsweise auf dem fast fröhlich klingenden „It Must Be Someone Else’s Fault“, wo sie ihre aktuelle Misere mit den Worten „Feels like I’ve gone crazy / Like the women in my family usually do“ kommentiert.

Die relativ zurückhaltende Instrumentation des Albums ist bei dem Ganzen ein Vorteil, kein Manko: Erst so kann Andrews‘ Stimme wirklich brillieren, ihre Message direkt ankommen.

Dabei halten sich ihre Gefühle und ihre Bereitschaft zur Selbstanalyse die Waagschale. Heraus kommen wunderschöne, verletzliche, ehrliche und mehrdimensionale Geschichten.

Und jetzt kommt der vielleicht überstrapazierte Vergleich, der so häufig bei jungen, vielversprechenden, irgendwie folkigen Singer/Songwriterinnen aufgestellt wird, um den man hier aber wirklich nicht umhin kommt:

Andrews hat ein so außergewöhnliches Gespür für simple und gleichzeitig außergewöhnliche Melodien und Lyrics, dass man sie als Joni Mitchell der Millenials bezeichnen möchte.

Wie deren Musik ist nämlich auch „Old Flowers“ ein Album, auf dass man für alle Ewigkeit zurückgreifen möchte, falls man selbst mal ein gebrochenes Herz hat – es klingt so zeitlos, überwältigend und immer wieder aktuell wie Liebeskummer selbst.

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