Into It. Over It. – Figure

Von den Revivals der Emo-Szene kann man ja halten, was man möchte. Während die Anfänge des Genres im Underground noch nach dem Credo „Möglichst laut, wütend und brutal“ funktionierten, waren Mitte der Zweitausender Teenies mit gebrochenen Herzen die bevorzugte Zielgruppe – und das ziemlich medienwirksam.

2020 sind wir bei der sage und schreibe vierten Welle der Musikrichtung. Ganz vorne mit dabei: Into It. Over It. mit dem neuen Album „Figure“.

Vorab: Mit dem letzten Namensteil von Emotional Hardcore (so die vollständige Bezeichnung des berüchtigten Genres) hat das Ganze ungefähr soviel zu tun wie Kuschelrock mit Burzum.

Stattdessen gibt es die geballte Ladung Emotion. Und die transportiert Evan Thomas Weiss – der Mensch, der sich hinter dem Alias Into It. Over It. verbirgt – mehr als gut.

Wer seine oder ihre Jugendjahre mit asymmetrischem Pony und in Flanellhemden zu Skinny Jeans verbracht hat und dabei immer eher Bands wie Owen statt Fall Out Boy oder Panic! At The Disco zugeneigt war, wird diese Platte lieben – selbst, wenn man dem Ganzen eigentlich schon entwachsen ist und sich nur noch insgeheim ein klitzekleines Bisschen an die guten alten Zeiten klammert.

Doch nicht nur selbstverleugnende Nostalgiker*innen sollten von „Figure“ begeistert sein. Dass es heutzutage zwischen Emo und Indie-Rock keine klar gezogenen Grenzen mehr gibt, mag für manche Genre-Puristen Anlass zum Ausrasten sein.

Für Künstler wie Into It. Over it. ist es eine Chance, denn dessen Songs haben das Potenzial, auch Menschen abzuholen, denen Schubladen egal sind und die einfach nur auf gut gemachte, direkte Musik stehen.

Deshalb könnte man aber Weiss unterstellen, es allen Recht machen zu wollen – ist „Figure“ doch trotz und gerade wegen seiner vielen introspektiven Momente, in denen er Lebenskrisen verarbeitet, zu straightforward.

Trotzdem ist das Album im bestmöglichen Sinne zugänglich und unaufgeregt, ohne dass dabei die Authentizität auf der Strecke bliebe. Selten gab es in den letzten Jahren in eine Platte, die so elegant die nostalgisch angehauchten Elemente älterer Bands dieser Sparte mit einem zeitgemäßen Sound verschmilzt.

Into It. Over It. beweist ein bemerkenswertes Gespür für emotionale Melodien und Lyrics, die ohne peinliche Larmoyanz oder übertriebene Theatralik auskommen. Bei Songs wie „Breathing Patterns“ oder „Hollow Halos“ fühlt man sich unwillkürlich an Legenden wie American Football erinnert.

Herausgekommen ist ein Album, das sich gut und gerne auch auf Repeat durchhören lässt, ohne, dass es dabei an irgendeiner Stelle langweilig wird – dafür sind die Vocals zu überzeugend, die Drums zu energiegeladen, die Melodien zu ausgefeilt.

Schon allein für die Tatsache, dass „Figure“ als Ganzes so gut gemacht ist, dass es einen niemals in den Fingern juckt, einen Track zu überspringen, verdient Weiss eine Medaille – schließlich kommt so etwas selten genug vor.

Aber auch jeder einzelne der 12 Songs ist eine Perle für sich, für die man gerne in die Tiefen von Into It. Over It. abtaucht.

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