Jeff Tweedy (Wilco) – Love Is The King

Ein Buch mit dem Titel „How To Write One Song“ stößt einen erst mal vor den Kopf: Wo bleibt da die romantische Vorstellung, dass nur Auserwählte durch einen Kuss der Muse dazu befähigt werden, so richtig gute Songs zu fabrizieren?

Wer maßt sich da wohl an, die hohe Kunst des Liederschreibens auf ein paar dutzend Seiten herunterzubrechen? Die Antwort: Jeff Tweedy. Der Frontmann von Wilco hat vor wenigen Tagen eben dieses Handbuch für (Möchtegern-)Musikschaffende veröffentlicht.

Nun beweist er mit seiner neuen Solo-Platte „Love Is The King“, dass er genau der richtige Mann ist, wenn es um Songwriting-Tipps geht – auch ganz ohne kitschigen Musenkuss und Stereotyp vom leidenden Künstler.

Entstanden sind sowohl das Buch als auch die Scheibe, während er sich mit seiner Familie in Chicago vor der Pandemie verschanzte – im April im heimischen Studio, in Zusammenarbeit mit Tweedys Söhnen Spencer und Sammy, die ebenfalls Musiker sind.

Ohne ein bisschen Leiden kommt die Platte demnach natürlich nicht aus. Das Album spiegelt die Umstände seiner Entstehung wider und ist deshalb natürlich ein Potpourri an Gefühlen:

Dankbarkeit („Even I Can See“), Elend („Bad Day Lately“), Todesangst („A Robin Or A Wren“) und – wer hätte es gedacht? – Liebe. Sie ist der rote Faden, der sich durch die 11 Songs des Albums zieht, das Thema, auf das Tweedy mal subtil und mal offensichtlich immer wieder zu sprechen kommt.

Bei so diversen Emotionen ist es keine Überraschung, dass Tweedy auch musikalisch die Fühler in verschiedene gitarrenlastige Richtungen ausstreckt: Manche Stücken klingen Retro, andere wiederum hüllt er in die Klänge seiner geliebten Alt-Country-Wurzeln, dann wieder lehnt er sich eher in Richtung Indie-Rock.

Gemein haben die Tracks, dass die Instrumentation immer minimal bleibt. Dadurch ist „Love Is The King“ rein klanglich nicht überwältigend. Auch wenn das fast schon nach einer Beleidigung klingt, ist es tatsächlich die große Stärke dieser Platte.

Denn Tweedy braucht keine klangliche Opulenz, um in allen Facetten zu transportieren, was er zu sagen hat. Ein Ausnahme-Songwriter eben.

Facebook
Twitter

Schreibe einen Kommentar

Login

Werde MusikBlog-Mitglied!

Wir unterstützen die lokalen Musikszenen und vor allem kleinere Bands und Nachwuchs-Künstler*innen. Hilf auch du uns dabei mit einem kleinen monatlichen Beitrag.