Ich fühlte mich einfach leer – London Grammar im Interview

Mit ihrem dritten Studioalbum “Californian Soil” wollen London Grammar dieser Tage ein besonderes Zeichen setzen. Nach mehr als einem Jahrzehnt im männerdominierten Business, entledigt sich Frontfrau Hannah Reid ihrer Ketten. Unterstützt und begleitet wird sie dabei von nach allen Seiten offenen Pop-Sounds, die Erinnerungen an die letzten Werke von Freya Ridings und Florence And The Machine weckt. Wir trafen uns mit Hannah Reid zum Interview und sprachen über die Schattenseiten der Musikbranche und das Überwinden von inneren Hürden.

MusikBlog: Hannah, jedes neue Album hat ja irgendwo einen Startpunkt, einen Moment, in dem eine komplette Produktion ins Rollen gebracht wird. Erinnerst du dich noch an die “Geburtsstunde” von “Californian Soil”?

Hannah Reid: Der erste Song, den ich für “Californian Soil” geschrieben habe, war “America”. Wann genau das war, weiß ich gar nicht mehr so genau. Aber es war definitiv ein Schlüsselmoment. Während dieser Zeit war ich körperlich und mental ziemlich down. Ich hatte keine Ahnung, ob und wie es mit der Band weitergehen soll. Und dann schrieb ich diesen Song, zeigte ihn Dominic und Dan (Dominic Major, Dan Rothman, Band-Kollegen), und die waren sofort begeistert. Das war der Startpunkt von “Californian Soil”.

MusikBlog: Diese körperliche und mentale Schlechtwetter-Phase in deinem Leben spielt eine große Rolle auf dem Album. Welche Gedanken schießen dir zuerst in den Kopf, wenn du an diese Zeit zurückdenkst?

Hannah Reid: Es ist ziemlich schwer, das Ganze in zwei oder drei Sätzen zusammenzufassen. Dieser Endphase, in der ich wirklich nicht mehr sicher war, wie es weitergeht, lag ja ein längerer Prozess zu Grunde. Ich fühlte mich nach dem zweiten Album einfach leer. Ich hinterfragte mich und die Band und das komplette Drumherum. Während dieser Zeit hat mich Dan sehr unterstützt. Wir haben damals viel in seinem Home-Studio gearbeitet. Er hat alles, wirklich alles von mir festgehalten und aufgenommen. Und dabei hat er mich immer wieder gestärkt und gepuscht.

MusikBlog: Was genau hat dich damals so runtergezogen?

Hannah Reid: Es war die Art und Weise, wie das Business mit mir und der Band umgegangen ist. Ich fühlte mich oftmals nicht richtig verstanden. Es gab auch Momente und Situationen, in denen ich mich unterdrückt gefühlt habe, als Künstler und natürlich auch als Frau. Zu Beginn war da ganz viel Unruhe in meinem Kopf. Ich war verwirrt, weil ich das Business nicht kannte, keine Erfahrungen hatte und nicht wusste, ob das vielleicht alles ganz normal ist. Erst mit der Zeit habe ich realisiert, dass ich mich selbstbewusster positionieren muss.

MusikBlog: Wie schwer ist dir das Überwinden dieser Hürde gefallen?

Hannah Reid: Nun, es war nicht einfach. Aber es war eine Challenge, der ich mich stellen musste. Als wir mit den Arbeiten zum neuen Album anfingen, habe ich versucht, mich von der Vergangenheit zu lösen. Auch das war ein Prozess. Aber es funktionierte. Ich wurde immer selbstbewusster, und ich habe mich nicht mehr hinter meiner Verletzlichkeit versteckt. Es war unheimlich wichtig für mich, dass ich alle Emotionen und Gefühle zugelassen habe. Nur so konnte dieses Album entstehen.

MusikBlog: Ein Album, dass sich in punkto Klangbild viel offener und auch vielseitiger als seine Vorgänger präsentiert.

Hannah Reid: Ja, diese neue Offenheit war uns allen sehr wichtig. Es gibt einige ruhige Momente auf dem Album. Es gibt aber auch Songs, die sehr opulent klingen. Wir haben diesmal extrem viel experimentiert. Von einigen Songs gab es am Ende der Produktion bis zu 12 verschiedene Versionen.

MusikBlog: Ist das die spannendste Zeit während einer Produktion, die Zeit, in der die Songs entstehen und sich entwickeln?

Hannah Reid: Absolut! Für mich ist das eine ganz besondere Phase. Man schreibt sich manchmal regelrecht in einen Rausch. Dann entsteht etwas ganz Neues, quasi aus dem Nichts. Das ist schon ziemlich faszinierend.

MusikBlog: Gab es bestimmte Bands oder Künstler, die euch während der Zeit des Schreibens inspirationstechnisch begleitet haben?

Hannah Reid: Wir hören schon ziemlich viel Musik, auch während des Produktionsprozesses. Aber es nicht so, dass wir uns bestimmte Künstler oder Alben rauspicken und dann sagen: So soll unser neues Album klingen! Da verlassen wir uns am Ende nur auf unser Bauchgefühl.

MusikBlog: Hannah, die Zeiten sind gerade sehr seltsam und schwierig. Niemand weiß genau, wie es mit der Musikbranche weitergehen wird. Welche Pläne habt ihr für die Zukunft?

Hannah Reid: Wir sitzen da alle im selben Boot. Natürlich hoffen wir, dass wir irgendwann demnächst wieder auf Tour gehen können. Aber im Moment gibt es da einfach keinen gültigen Fahrplan. Was auf jeden Fall feststeht: Wir arbeiten bereits an unserem nächsten Album. Wir nutzen die Zeit gerade, und tauschen neue Ideen und Gedanken aus. Sollte es also irgendwann wieder richtig losgehen, werden wir viel neues Material am Start haben. (lacht)

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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