Hiatus Kaiyote – Mood Valiant

Die größte Kunst ist es, Schwieriges einfach aussehen oder eben anhören zu lassen. Hiatus Kaiyote sind in dieser Disziplin Meister ihres Handwerks und liefern mit „Mood Valiant“ das bislang stimmigste Werk ihrer Karriere.

Denn von der Leichtigkeit, mit der beispielsweise Simon Mavin in „Rose Water“ einen ungeraden Rhythmus in 5er-Gruppen packt, der trotzdem zu keiner Zeit mit dem fließenden Gesang von Naomi „Nai Palm“ Saalfield auch nur aneckt, können andere lange träumen.

Obwohl das Quartett von der gegenüberliegenden Seite des Planeten stammt, ist es kaum zu glauben, dass die Australier um Frontfrau Saalfield hierzulande immer noch eine Art Geheimtipp-Status trägt. Denn Größen wie Jay Z und Beyoncé, Kendrick Lamar, Anderson .Paak oder Drake haben ihr Potenzial längst erkannt und sich an Samples von Hiatus Kaiyote bedient und in ihren Songs gutaussehen lassen.

Dass seit dem letzten Album „Choose Your Weapon“ sechs Jahre ins Land gezogen sind, hat verschiedene Gründe. 2018 waren bereits ein Großteil der Backing Tracks fertiggestellt, doch dann wurde bei Nai Palm Brustkrebs diagnostiziert.

Aber nicht nur diese Konfrontation mit dem Tod machte eine Überarbeitung des Materials notwendig, sondern auch die 2019 begonnene Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Künstler Arthur Verocai. Dabei ist unter anderem die Ballade „Stone Or Lavender“ entstanden (obwohl das Wort Ballade nicht ansatzweise zusammenfasst, was diesen Song ausmacht).

Dabei sind die Zutaten die üblichen Verdächtigen: Klavier, Streicher und Gesang. Aber ansonsten folgt ihr wenig Schema X. Saalfields Gesang schraubt sich in den fünfeinhalb Minuten von leichtem Säuseln in kratzende Höhen und bis hin zu einem zerbrechlichen Hauchen.

Die Klavierphrasen führen dazu ihr eigenes Leben und sind nicht nur Begleitung, sondern viel mehr Dialogpartner. Streicher, die in einem anderen Setting vor Pathos triefen würden, liefern in diesem Zusammenhang ein angenehmes Fundament, das von Zeit zu Zeit wegbricht und so zusätzlich dem Spannungsbogen in die Karten spielt.

Ebenfalls Nachtgeburt waren der Bass- und Schlagzeug-Groove, den die Band in „Red Room“ hören lässt. Und was das für ein Groove ist. Zu Saafields mantraartigem Gesang, der sich auf wenige Textzeilen beschränkt, wabern sich die restlichen Instrumente mit einer unglaublichen Lässigkeit in eine Trance, die einen selbst an heißesten Sommertagen rote Samtvorhänge und leichte Nebelschwaden herbeisehnen lässt.

Saalfields Mutter war übrigens alleinerziehend mit sechs Kindern und hatte zwei Plymouth Valiant Kombis – einen weißen und einen schwarzen. Je nach Stimmung wählte sie die passende Farbe des Chrysler-Gefährts – Hiatus Kaiyote haben also mit “Mood Valiant” den perfekten Albumtitel für ihre Musik gewählt:

Was auf den ersten Blick kryptisch und willkürlich erscheint, erschließt sich bei näherer Betrachtung als wunderschönes Arrangement.

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