Slut – Talks Of Paradise

Eine der edelsten und gleichzeitig unterschätztesten deutschen Indie-Bands erfindet sich neu und schafft es doch spielend, sich treu zu bleiben. Allein dafür gebührt Slut bereits großen Respekt. Doch „Talks Of Paradise“ ist ein Grower, mit dem die Band über sich hinauswachsen könnte.

Denn das Quartett aus Ingolstadt taucht mit seinem neunten Album in einen Beat getriebenen Ambient-Indie ein, für den das Attribut Indietronic viel zu kurz greift. Damit opfern Slut zwar einerseits die weichen Gitarren, die sie 2008 auf „Still No1“ zur Formvollendung führten, nicht aber ihre Cleverness, mit der sie etwa zusammen mit Juli Zeh deren phänomenalen Roman „Corpus Delicti“ zu einer Schallnovelle ausformulierten.

„For a soul there is no hospital” singt Christian Neuburger mal eben im zweiten Song, aus einer situativen Eingebung heraus, in der andere englischsprachige Bands aus diesem Land froh sind, wenn aus ihren zusammenhanglosen Wortfetzen am Ende ein kleiner Kalenderspruch heraus kommt.

Die Texte von Slut waren eben schon immer gut. Wir erinnern uns: „If I had a heart, I would have a heartache”. Auf „Talks Of Paradise“ entstehen sie alle im Moment des Musizierens. Oder auch: „Was ich in diesem Augenblick gehört habe“, wie Neuburger sagt.

Momente, als er und seine Band in einer leerstehenden Athener Wohnung die ersten Skizzen schmiedeten, die der Band nach „Alienation“ von 2013 und der anschließenden Pause eine neue Stoßrichtung geben sollten.

Dabei sind Synthesizer und Beats nicht per se neu im Kosmos von Slut. Bereits auf dem 2001er Album „Lookbook“ finden sich Songs, die dem Alternative-Pop näher stehen als dem Indie-Rock. Songs, die fast noch zaghaft in ihrer Schönheit strahlen.

„Talks Of Paradise“ versprüht dagegen das Selbstbewusstsein einer Band, die seit 25 Jahren im Geschäft ist und unverschämt souverän wirkt.

Und auch, wenn Neuburger in Songs wie „Good For All“ oder „Tell Your Friends“ mehr denn je nach Sufjan Stevens klingt, übertreffen Slut mit dem neuen Longplayer dessen jüngsten, häufig leicht ziellos mäandernden Output spielend.

Slut schreiben keine Soundlandschaften, sondern Songs. Verdammt gute Songs, auf den Punkt arrangiert, mit fesselnder Dynamik und tollen Melodien. Man höre „How Trivial We Are“ oder „The Worst Is Yet To Come“.

Selbstverständlich sind die Bayern schon lange eine Band von internationalem Format, mit „Talks Of Paradise“ inzwischen eine, die die internationale Konkurrenz alt aussehen lässt.

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