Die Jubiläums-Ausgabe des Maifeld Derbys gleicht dem ersten Regenschauer nach einer endlos scheinenden Dürreperiode, dem großen Silberstreifen am Horizont, der bis zuletzt Gefahr läuft, sich in Luft aufzulösen.

Erst wenige Tage vor Festivalbeginn hatten die Veranstalter rund um Get-Well-Soon-Bassist Timo Kumpf tatsächliche Gewissheit. Das 10. Maifeld Derby kann in abgespeckter Version, mit zwei statt wie üblich vier Bühnen stattfinden, unter Berücksichtigung eines reduzierten Besucherkontingents, mit Bestuhlung, Maskenpflicht und der Einhaltung der 3G-Regel.

Und auch wenn zwischen den Konzerten Hinweise zu den situationsbedingten Verhaltensregeln laufen, so weit weg war die leidige Pandemie nicht mehr, seit sie durch toxische Wodka-Brause-Mischungen aus Österreich über die Alpen suppte.

„Do you enjoy it?“ fragen Dewolff rhetorisch und fügen hinzu: “There is no fucking concerts in the Netherlands yet.” Sie unterstreichen damit den Durchbruch, den dieses Wochenende für die arg gebeutelte Musikbranche haben müsste.

Das holländische Trio steht am Sonntagabend auf der Palastbühne im Reitstadion Mannheim für alles, was man die letzten eineinhalb Jahre so schmerzlich vermisst hat. Eine irre Spielfreude, ein knackiger Sound und drei Musketiere an ihren Instrumenten, jederzeit bereit, mit dem nächsten Solo, sei es an Schlagzeug, Gitarre oder Hammond-Orgel, ordentlich Staub aufzuwirbeln und niemanden in Verlegenheit zu bringen, sich auf die bereitstehenden Stühle tatsächlich zu setzen, anstatt zu tanzen.

Die Stühle stehen das komplette Wochenende eher für Abstandsmaßnahmen denn Sitzmöglichkeiten und Dewolff für Rock’N’Roll at its best. Die Band belohnt das Publikum mit einer so bissigen wie tighten Mischung aus Thin Lizzy, ZZ Top und AC/DC – und der wohl energiegeladensten Show des Wochenendes.

Sie stehen auch für die berühmte, handverlesene Diversität einer jeden Ausgabe dieses Festivals. Denn am Freitag klingen an selber Stelle noch ganz andere Töne. Während auf dem Biergarten D’Amour die Lokalmatadorin Alex Mayr mit ausgefuchsten Singer/Songwriter-Stücken überzeugt, dröhnen Molchat Doma aus Belarus mit technoidem Post-Punk über die Hauptbühne. Passend dazu schließt Drangsal mit Teufelsmaske den ersten gelungenen Abend ab.

Wem es noch thematischer sein darf, der kommt am Sonntag im Biergarten mit dem Wiener Hattrick der Bands Culk, Dives und Oehl voll auf seine Shoegaze-, Indie- und Singer/Songwriter-Kosten.

Lustigerweise muss parallel ausgerechnet ein Schweizer auf der Hauptbühne für das Kontrastprogramm sorgen. Dagobert, ein Sänger, der spaltet, schon immer. Das gehört zu seinem Konzept. Doch auch wenn sein düster-melancholischer Schlager-Pop im prallen Sonnenschein weniger wirkt, bleibt die Künstlerfigur im schwarzen Stoff-Mantel absolut einzigartig.

Ja, die Sonne scheint. Sie zeigt sich über volle drei Festivaltage von ihrer besten Seite, so dass am Sonntagabend erst The Notwist wieder in den Genuss einer Lichtshow bei Dunkelheit kommen. Deutschlands sicherste Bank überspielt souverän die technischen Probleme zu Beginn ihrer Show und fasziniert mit ihren Klassikern wie „This Room“ oder „Consequence“ genauso wie mit dem krautrockigen Material ihrer aktuellen Platte.

Den Höhepunkt des Festivals schaffen sie dieses Jahr, nachdem sie 2013 zuletzt beim Maifeld über jeden Zweifel erhaben waren, allerdings nicht ganz. Der gebührt einen Tag vorher bereits Sophie Hunger. Über ihren äußerst differenzierten und gleichermaßen druckvollen Sound, ihre fantastisch vielfältige Stimme, ihren fünfstimmigen Backing-Chor und ihren so genialen wie verrückten Schlagzeuger, der zwischen den Songs schneller Becken wechselt, als andere ihre Plektren, geht dieses Jahr nichts drüber.

Ist bei der Schweizerin auf Platte nicht immer alles auf Anhieb nachvollziehbar, wird live für jeden unüberhörbar, welch großartige Songschreiberin und Künstlerin Hunger ist. Sie markiert das Finale des musikalisch wohl besten Tages. Denn davor sind bereits die Dänen Efterklang ein Ohrenschmaus für gehobene Indierock-Ansprüche.

Und noch mal eins früher zeigt eine der aktuell vielversprechendsten Künstlerinnen Deutschlands ihr Können. Sophia Kennedy, geboren und aufgewachsen in Baltimore/ Maryland, wohnhaft in Hamburg, liefert 2021 mit „Monsters“ eines der Alben des Jahres ab, das sie, trotz eines zu leisen Sounds, mehr als eindrücklich auf die Bühne bringt – mit spielerischer Leichtigkeit und stimmlicher Gesangsakrobatik.

„Das müsste eigentlich international durch die Decke gehen“, meint auch Timo Kumpf über Kennedy, der uns unter der Hand steckt, dass er für die kommende Ausgabe 2022 bereits erste, vielversprechende Acts gebucht hat, die sich dann auch wieder auf vier Bühnen verteilen werden.

Wir sind uns beide einig über Live- und Album-Highlight in diesem Jahr – und allen anderen mindestens dankbar für das Ende der Durststrecke.

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