Wieso um alles in der Welt haben Beach Fossils ein Jazz-Album gemacht? Auf den ersten Blick zugegebenermaßen eine Frage, die etwas direkt oder sogar konfrontativ wirken könnte.

Angesichts des heillosen Stilbruchs, den die Band aus Brooklyn stolz auf “The Other Side Of Life: Piano Ballads” präsentiert, ist Bandkopf Dustin Payseur den Hörer*innen allerdings tatsächlich einige Antworten schuldig.

Denn auch, wenn es nur ein nettes Spaßprojekt nebenbei ist, steht das Album immer noch unter dem offiziellen Beach-Fossils-Banner und weicht in dieser Position dennoch vom träumerischen Dream-Pop ab, den die Softie-Rocker seit 12 Jahren erforschen.

Lieblicher Gitarren-Pop, LoFi-Shoegaze und sphärischer Indie-Rock wie auf dem 2017er Vorgänger “Somersault” – nichts davon ist auf “The Other Side Of Life” zu finden. Der Hauptschuldige ist Tommy Gardner, der von 2011 bis 2016 Schlagzeug bei Beach Fossils spielte.

Gardener, seines Zeichens Absolvent der Juilliard School in New York, die als eine der berühmtesten Schauspiel- und Kunstschulen der Welt gilt, verwandelte während der Touren die Songs der Band backstage gerne spontan in mehrschichtige Klavierstücke.

Payseur war angetan, Gardener verließ die Band jedoch, um nach China zu ziehen. Dann kam allerdings eine globale Pandemie, die den Frontmann dazu veranlasste, das gemeinsame Projekt endlich anzugehen – wenn auch von verschiedenen Seiten der Welt aus.

So interpretieren die Musiker auf “The Other Side Of Life” acht alte Beach-Fossils-Songs neu und tauschen so ziemlich alles Bekannte mit sanften Jazz-Sounds und Piano-Balladen aus. Der einzige Verbindungspunkt ist Payeurs Gesang, der bewusst un-jazzig belassen ist und zumindest einen Ankerpunkt zu den Originalen aufrechterhält.

Der Ton der Platte ist tiefenentspannt, die Geschwindigkeit der Songs ist zumeist drastisch reduziert. Das Saxophon und besonders Gardeners Klavier bestimmen den Ton des Materials und werden sanft von Drums und einem Kontrabass begleitet – traditioneller Jazz eben.

Interessant wird es, wenn dieser neue musikalische Aufzug auf das bewährte Indie-Songwriting der originalen Tracks trifft. In diesen Momenten umspielen sich die beiden Stile grandios und schaffen statt strenger Genregrenzen eher ein wohlig-warmes Miteinander.

Die jazzigen Harmonien bieten den gehauchten Gesängen ein exzellentes Lounge-Musik-Fundament, die Diskrepanz zwischen dem großen Fokus auf hallige Klangästhetiken von Dream-Pop und dem Fehlen von eben jenem im doch so nüchternen Jazz öffnet Tür und Tor für etwaige Fantasien: Ist die Menschheit jemals so nah an die Entstehung des Dream-Jazz als Genre herangekommen?

Die Frage nach dem Warum bleibt zwar bis zum Ende stehen – die Erde hätte sich ohne dieses Album auch weitergedreht. Allerdings spricht nie etwas gegen Horizonterweiterung, vor allem nicht, wenn sie so handwerklich einwandfrei und liebevoll umgesetzt wurde wie in “The Other Side Of Life”.

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