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Ich war mir lange Zeit wirklich unsicher – Nathaniel Rateliff im Interview

Wenn ein Musiker zwischen zwei Schaffenswelten pendelt und irgendwann mit der Frage konfrontiert wird, ob die aktuelle Arbeit eher in die Solo- oder in die Band-Schublade passt, dann ist man manchmal froh, wenn ein Außenstehender etwas Druck vom Kessel nimmt. Im Fall von Nathaniel Rateliff war es Freund und Produzent Bradley Cook, der einfach dazu riet, sich ausschließlich auf die neuen Songs zu konzentrieren. Nach getaner Arbeit waren es dann die Night Sweats, die hinzugezogen wurden und “The Future” letztlich den Schliff verpassten, den das neue Album verdiente und brauchte, um als authentisches Band-Album wahrgenommen zu werden. Kurz vor der Veröffentlichung des dritten Studioalbums von Nathaniel Rateliff And The Night Sweats trafen wir uns mit dem Kopf des Ganzen zum Interview und sprachen über wacklige Prozessbrücken, globale Baustellen und ultimative Vorfreude.

MusikBlog: Nate, mit dem Titel deines neuen Albums triffst du dieser Tage aus ersichtlichen Gründen voll ins Schwarze. Was war denn zuerst da? Der Albumtitel an sich? Oder der Song, der denselben Titel trägt?

Nathaniel Rateliff: Der Song war zuerst da. Es war überhaupt einer der ersten Tracks, die ich für dieses Album geschrieben habe, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, in welche Richtung es gehen wird. Das war letzten Herbst, da hatte ich schon vorgehabt, neue Songs zu schreiben, während ich mit meinem Soloalbum auf Tour gewesen wäre. Aber das mit der Tour hat ja aus bekannten Gründen nicht so richtig geklappt. So war diese Zeit eine ziemliche Herausforderung für mich, weil ich eben nicht genau wusste, was als Nächstes passiert.

MusikBlog: Wer oder was hat dann Licht ins Dunkel gebracht?

Nathaniel Rateliff: Ich muss zugeben, dass ich mir zuerst nicht sicher war, ob “The Future” ein richtiger Band-Song ist. Zum Glück hat mich mein Freund und Produzent Bradley Cook dann aber zur Seite genommen und mir gesagt, was zu tun ist. Er meinte: “Nate, das ist nicht nur ein Song für die Night Sweats. Das sollte auch der erste Track des neuen Albums sein.” Naja, so kam dann eins zum anderen. Schlussendlich sollte der Titel aber nicht als Statement verstanden werden. Es geht dabei eher um die Frage, wie sich jeder einzelne die Zukunft vorstellt.

MusikBlog: Wie sieht’s denn da bei dir aus? Wie blickst du in die Zukunft?

Nathaniel Rateliff: Nun, ich denke, dass wir alle gerade durch eine sehr schwere Zeit gehen. Auch ohne Corona gibt es nicht viel Anlass für allzu optimistische Gedanken. In Amerika ist die politische Situation sehr angespannt. Der Rest der Welt wird da auch ständig noch mit reingezogen. Hinzu kommen fundamentale Problemfelder wie Klimaschutz, Politik an sich und Religion. Es gibt wirklich viele Baustellen. Und das macht auch mich sehr nachdenklich.

MusikBlog: Inwiefern hat die Pandemie den Produktionsprozess des neuen Albums beeinflusst?

Nathaniel Rateliff: Natürlich waren all die Lockdowns und die Isolation belastend. Aber um ehrlich zu sein, so viel hat sich für uns als Band gar nicht verändert. Ich habe mir ja vor ein paar Jahren ein Haus gekauft, in dem ich mir auch ein kleines Studio eingerichtet habe. Glücklicherweise wohnen alle Band-Mitglieder mehr oder weniger in der Nähe, so dass wir nach den gängigen Testverfahren auch gut und isoliert arbeiten konnten.

MusikBlog: “The Future” ist unheimlich facettenreich. Es gibt viele verschiedene Sounds zu entdecken. Die Platte lässt sich nur sehr schwer einem Genre zuordnen. Was war dir diesmal soundtechnisch besonders wichtig?

Nathaniel Rateliff: Ich war mir lange Zeit wirklich unsicher. Wir hatten schon einige Songs fertig, aber ich wusste irgendwie nicht, was ich mit den Tracks anstellen sollte. Wie schon gesagt, hat mir dann unser Produzent Brad die richtige Richtung gezeigt und mir immer wieder vor Augen geführt, was wirklich wichtig ist. Es geht einfach nur um die Songs. Und am Ende des Tages waren all die Songs halt Night-Sweats-Songs.

MusikBlog: Bist du als Hauptsongwriter jemand, dem es während der Produktion und der Aufnahmen schwerfällt, Kontrolle abzugeben?

Nathaniel Rateliff: Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal fällt es mir leichter, manchmal schwerer. Diesmal haben wir, insbesondere Brad, dafür gesorgt, dass wir mehr denn je als Band zu Werke gehen. Jeder war irgendwie involviert. Das war ein ganz wichtiger Prozess.  Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass ich viel öfter aus meiner Sicht heraus geschrieben habe. Die Texte sind diesmal viel persönlicher. Man kann entweder in einen fremden Charakter schlüpfen oder aber über sich selbst schreiben. Ich habe mich diesmal oft für Letzteres entschieden.

MusikBlog: Lässt du dich in diesen ganz persönlichen Momenten auch von anderen Kollegen und deren Schaffen inspirieren?

Nathaniel Rateliff: Oh, ich höre in der Tat sehr viel Musik. Und da bleibt sicherlich auch ganz viel hängen, ob bewusst oder unbewusst. Diesmal habe ich viel Bill Withers und Hip-Hop aus den Neunzigern gehört.

MusikBlog: Spannende Mischung.

Nathaniel Rateliff: Absolut. (lacht)

MusikBlog: Abschließende Frage: Wie sehr fieberst du der Live-Normalität entgegen?

Nathaniel Rateliff: Wir können es alle nicht erwarten. Es ist wirklich eine verdammt schwere Zeit mit vielen Entbehrungen. Ich denke auch nicht, dass sich reisetechnisch in Richtung Winter noch viel ändern wird. Aber ich hoffe natürlich, dass wir im nächsten Frühling endlich wieder die Taschen packen dürfen. Das wäre einfach nur großartig.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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