Konzeptalben, denen das Konzept im Namen steht, haben es schwer. Entweder schürt ein geheimnisvoll herausfordernder Titel Erwartungen, die die darauffolgenden zehn bis 20 Tracks ohnehin nicht einhalten können, oder er lenkt die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer*innen schlicht und einfach so sehr in ihrer Rezeption der neuen Musik, dass sowieso alles als Teil des Konzepts (fehl-)interpretiert wird.

Die Parcels haben es trotzdem gewagt und mit “Day/Night” ein 19 Tracks starkes Doppelalbum abgeliefert, das im Namen und in der Tracklist eines verspricht – eine konzeptuelle und chronologische Zweigeteiltheit:

Auf den Tag folgt die Nacht, auf “LIGHT” der “SHADOW” – praktischerweise mit Feststelltaste geschrieben, damit’s auch niemand übersieht. Wie ein erhabener Sonnenaufgang über den sattgrünen Bergen von Mittelerde, wie das Ende der ersten Erdumrundung auf einer Raumstatio im weiten Weltall.

“LIGHT” eröffnet das dualistische Album der Parcels wie ein filmischer exposition shot, ein universeller Überblick, der sich dann doch relativ schnell in der lichtdurchfluteten Jazz-Kneipe wiederfindet. Es sind zwar alle schon nach Hause gegangen, die Band aber weiß – jetzt kommt das Licht, jetzt beginnt das Leben.

Hollywoodreif und mit genau der gedeckten Euphorie, die bei gutem Wetter und netten Leuten tagsüber Übernächtigte und Ausgeschlafene zugleich überfällt, schreitet die erleuchtete Seite der Platte voran, bis der “Inthecity Interlude” jedenfalls kurzzeitig hinterfragt, ob wirklich alles so schön ist.

Das drohende, soundtrackartige Zwischenspiel deutet den Bombast der Stadt, die einschüchternde Schnelligkeit des Lebens darin, aber auch die Wärme an, die in ihr empfunden werden kann. Ein ambivalentes Gefühl, mit dem “Day/Night” spätestens zur goldenen Stunde, bei “Outside” wieder im Reinen ist.

Kurz vor Einbruch der Nacht darf sich der Tag noch einmal mit all dem Pathos und der tragischen Schwere ergießen, ehe mit „SHADOW“ die zweite Albumhälfte beginnt. In der Nacht tut sich eine andere Ambivalenz auf:

Zwischen Lichtern, Leuten und Geräuschen in “Famous” und den engen, schwach beleuchteten Gassen in “Neverloved” liegen Welten und doch gehört es irgendwie zusammen.

“Day/Night” ist eine Ode an das eigene Zuhause, das einem zu jeder Tages- und Nachtzeit andere Geschichten erzählt, die unterschiedlicher kaum sein könnten, am Ende aber doch von einem Leben berichten.

Wo “Inside” endet, fängt “LIGHT” wieder an. Vielleicht fällt es schwer, Parcels “Day/Night” bei dem Titel und den Wegmarkern ohne die Allegorie der Tageszeiten zu hören. Wer Skepsis diesbezüglich hegt, kann sich zurücklehnen und entspannen. Wahrscheinlich haben Skeptiker nachher sogar Lust auf mehr, also: Her mit den Konzepten, Parcels!

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