„Nie Wieder Krieg“ – privat schwierig, weltpolitisch utopisch und Titel vom neuen Tocotronic-Album.

Wenn vorab „Jugend Ohne Gott Gegen Faschismus“, auf den Spuren des Roman-Klassikers von Ödön von Horváth eine weitere Parole schmetterte, bedeutet dies nicht, dass die Band im 30. Lebensjahr agitieren wird, sondern ihrem Hang folgt, Losungen namensgebend für ihre Songs einzusetzen.

Nach den autobiografische Episoden von „Die Unendlichkeit“, die mit Dirk von Lowtzows Buch “Aus dem Dachsbau” eine schriftliche Reprise bekamen, beschäftigt sich „Nie Wieder Krieg“ mit einem differenzierten SOLL/IST-Abgleich des Einzelnen im großen Ganzen, in dem Persönliches mit Gesellschaftskritischem, Slogans mit Philosophie verschmelzen.

In Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Produzent Moses Schneider hat das Quartett einmal mehr Selbstreferenzen mit neuen Tönen kombiniert, dessem hörbarem Ergebnis (in dem ihre Indie-Rock-Tugenden zunehmend auf ausgefeilte, pop-lastige, Elemente treffen) Genre-Schubladen verschlossen bleiben.

„Komm In Meine Freie Welt“ fordert krachend das zweite Stück der wieder in Teilen live eingespielten und eingesungenen Platte, auf der einerseits Arne Zanks Schlagzeug-Motor, Jan Müllers brummender Bass und die Gitarren von Rick McPhail und dem Frontmann vor Dynamik bersten, andererseits ein zartes Piano, Akustikeinlagen und feine Streicher die von Friedrich Paravincini gestalteten Arrangements bestimmen.

„Ich Gehe Unter“ mit inkludierter Aufforderung zur Adoption, die Tocotronic-Freunde ideell längst vollzogen haben dürften. „Ich Tauche Auf“, ein intimes Duett (Premiere) mit Soap&Skin, „Ich Hasse Es Hier“, in dem eine Pizza zum Medium der Lebensumstände wird – die Texte von Lowtzows loten beständig die emotionalen Untiefen von Angst, Einsamkeit und Liebe aus.

Im „Nachtflug“ – mit „Let-There-Be-Rock“- Gedächtnis-Effekten im Instrumental-Teil – über Berlin unterwegs, via „Ein Monster Kam Am Morgen“ die eigenen Dämonen jagen, altersbereinigt nur „Leicht Lädiert“ den „Crash“ im Jurassic Park der Erinnerungen überlebt – obwohl die Stücke solitär funktionieren, bilden sie in ihrer Gesamtheit einen roten Faden, das Buch oder den Film, wie Urheber es sehen, der dem Album-Format im Playlist-Zeitalter Würde verleiht.

„Nie Wieder Krieg“ ist ein weiteres komplexes Kapitel einer Band, dessen Deutung adäquat dem Tocotronic-Werdegang mit „Es Ist Einfach Rockmusik“ längst nicht mehr erklärt werden kann.

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