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Chris Imler – Operation Schönheit

“Operation Schönheit” – Bescheidenheit unerwünscht. Chris Imler will auf seinem aktuellen Album Ästhetik medizinisch sezieren und öffnet dafür die Tür zu dem Assoziationstheater, das sich in seinem Kopf abspielt. Worauf man sich dabei vorbereiten muss? Sagen wir es so: Das Album transzendiert die Normen konventioneller Soundästhetiken – aber bleibt dabei gefühlvoll.

Minimal aber melodiös wandert Imler auf „Operation Schönheit“ durch sämtliche Ecken seines elektronischen Post-Punk-Entwurfes auf der Suche nach Staub, den es aufzuwirbeln gilt. Und den findet er auch. Es hakt und ruckelt, drängelt und stolpert, aber kommt doch immer wieder an.

Dabei lässt die reduzierte Solo-Soundästhetik auch genrefremde Zuhörer*innen einen Halt in der ganz eigenen Welt Imlers finden, wenn sich dieser beim ersten Hören auch auf die hypnotisierenden Rhythmen beschränken mag, die Imler zur Genüge abliefert.

In Wiederholungen und spontan wirkenden Vorstellungsketten wirkt die Lyrik entweder verzerrt poetisch oder introspektiv, steht aber immer in einem Wechselspiel mit dem Sound. Laute, die sich zwischen Retro-Sci-Fi-Romantik und alltagstechnologischen Störgeräuschen einordnen lassen, untermalen Imlers alltagsphilosophische Ausläufer, die sich in „Emptiness Full Of Stars“ sogar bis ins All verirren.

Der leichte Pathos, der in Imlers Stimme beim Bestücken des eigenen Sounds mit Gesang – oder jedenfalls etwas dem Gesang nicht fremden – immer mitschwingt, könnte für diejenigen abschreckend wirken, die der Berliner-Szene sowieso mit Skepsis und Argwohn begegnen, denen es schwer fällt, omnipräsente Selbstdarstellung und künstlerische Integrität zusammenzubringen.

Der Wahlberliner bleibt bei allem möglichen Zynismus und Weltversteher-Schmerz nicht zuletzt durch den Sound nahbar, der ihn ausmacht. Wenn die Soundkulisse in “Disappoint Me” so klingt, als hätte sich der verschrobene Nachbar eigenhändig eine Fabrikhalle zur improvisierten Zentrale einer Raumfahrtoperation umgebaut, wirkt die technische Herangehensweise Imlers an das abstrakte Phänomen der Schönheit sogar eher charmant.

Als hätte jemand die künstliche Intelligenz im Bordcomputer willentlich mit einer etwas zu großen Portion menschlicher Fehlbarkeit versorgt – nur um mal zu gucken, was so passiert.

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