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Lido Pimienta – Live im Karlstorbahnhof, Heidelberg

Die letzten Töne des Support-Acts DJ Bamboo sind noch nicht ganz abgeklungen, da steigt Lido Pimienta bereits auf eine dunkle Bühne, die sich im weiteren Verlauf der Show nur unwesentlich erhellt. Die zurückhaltende Lichtshow lässt sich auch als Sinnbild für die innere Zerrissenheit der Künstlerin am gestrigen Montagabend deuten.

Noch vor dem ersten Song erklärt Lido Pimienta den Zuschauern, dass sie diesen Abend ihrem vor einiger Zeit verstorbenen Bruder widmen möchte. „And also my dad, who passed away yesterday.“ Bei diesem Satz geht ein Raunen des Mitgefühls durch den Karlstorbahnhof in Heidelberg.

Die kolumbianisch-kanadische Sängerin hatte den Gedanken, die Show abzusagen, und gleichzeitig das Glück, kurz zuvor noch mit ihrem Vater telefoniert zu haben, der ihr dazu riet, aufzutreten. Er würde dann von oben zuschauen.

„Und wenn er jetzt irgendwo hier ist, ist das insofern lustig, als dass er zuvor noch nie unter so vielen Queer-People war“. Bei diesen Worten löst sich die Anspannung in Jubel und Hochachtung vor der Stärke dieser Frau, deren Persönlichkeit vom ersten Ton an zu groß für die kleine Bühne ist.

Lido Pimientas Konzert ist Teil des noch bis Ende des Monats andauernden Queer Festivals in Heidelberg, auf dem sie sich zusammen mit ihrem Schlagzeuger durch die Songs ihres Debüts „La Papessa“ und den mit einem Latin Grammy ausgezeichneten Nachfolger „Miss Columbia“ spielt.

Ob mit oder ohne Rassel in der Hand zeugt jeder Moment von Lidos stimmlicher Extraklasse, gerade in Songs wie dem eingängige „Eso Que Tu Haces“. In traditionellem Outfit loopt sie sich, Stimme für Stimme, durch ihren außergewöhnlichen Ansatz aus Cumbia und elektronischen Versatzstücken.

Und selbst, wenn man ihrer Sprache nicht mächtig ist, kann man den Tenor ihre Anliegen mit den Händen greifen. Das Publikum goutiert die Botschaft für bunte Vielfalt als leicht verschwitztes, waberndes Tanzknäul.

Einer der wenigen Wermutstropfen liegt darin, dass die vielen, farbenfrohen Bläser, wie etwa in „Coming Through“ alle von Band kommen. Eine umfangreiche Live-Band hätte hier ganz sicher den Unterschied zwischen einem guten und einem herausragenden Konzert bedeutet.

Und dennoch ist die schwach ausgeleuchtete Bühne des Karlstorbahnhof an diesem Abend ein Guckfenster in eine Popkultur mit Seltenheitswert, eine, die den Spagat zwischen Tradition und Moderne spielend hinbekommt, die zwischen exotisch und vertraut sämtliche Töne trifft und ein buntes Zeichen gegen Rassismus und für Völkerverständigung setzt.

Und noch mehr kann man von einem Konzert nicht verlangen.

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