Mit „Caribenya“ löst Lido Pimienta den intellektuellen Überbau ihres orchestralen Vorgängers „La Belleza“ in allerhand Bewegung auf.
Die acht Stücke sind tief in den Rhythmen der kolumbianischen Karibik verwurzelt – Cumbia, Bullerengue und afro-indigene Traditionen sowie elektronische Klangflächen verschmelzen zu einem Album, das den Tanz als Form kultureller Selbstbehauptung versteht.
Die in Barranquilla geborene und heute in Kanada lebende Künstlerin knüpft damit an jene Themen an, die ihr Werk seit „La Papessa“ und ihrem mit dem Polaris-Preis prämierten Durchbruch prägen: Identität, Migration, Dekolonisierung und die Rückgewinnung kultureller Räume.
Während „Miss Colombia“ aus 2020 diese Fragen in schillernden Art-Pop übersetzte und „La Belleza“ sie in orchestrale Klangwelten überführte, setzt ihr fünftes Album alles zurück auf den Ursprung.
Die Musik klingt unmittelbarer, gemeinschaftlicher und körperlicher, behält sich abei aber stets die künstlerische Radikalität. Tatsächlich steckt der Kern des Ganzen bereits im Kofferwort des Titels, bestehend aus „Caribe“ und „Enya“.
Zwischen schwebender Mystik und pulsierender Körperlichkeit entsteht ein Sound, der gleichermaßen vertraut und doch völlig originär daherkommt. Elektronik und traditionelle Rhythmen treffen auf Harfen, Streicher und luftige Gesangslinien.
Besonders eindrucksvoll gelingt das in der Vorabsingle „Tóxica“, das persönliche Enttäuschung in ein befreiendes Ritual ummünzt. Harfe, Viola und elektronische Texturen verdichten sich zu einem Song, der Wut in Bewegung kanalisiert.
Einen anderen Akzent setzt „Libélula“ mit Gastbeiträgen von Ana Macho. Der Song wirkt leichter und lässt Pimientas Gesang fast schwerelos über den komplexen Rhythmusfiguren kreisen.
„Hoy Por Tí“, das Duett mit Nelly Furtado, öffnet das Album schließlich in Richtung Pop, ohne dessen karibisches Fundament preiszugeben. Ein wirkungsvoller Beleg dafür, wie selbstverständlich Pimienta Kollaboration in ihre eigene Klangsprache integriert. Dabei verliert sie nie aus dem Blick, was ihre Musik seit jeher antreibt: Gemeinschaft, Freude und Kollaboration als Antwort auf koloniale Geschichte, gesellschaftliche Ungleichheit und persönliche Verletzungen.
So wirkt „Caribenya“ weniger wie ein Gegenentwurf zu „La Belleza“ als vielmehr dessen lebendiges Echo, in dem politisches Bewusstsein und mitreißende Musik keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig beflügeln.
