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Nick Cave And The Bad Seeds – Live in der Waldbühne, Berlin

“Berlin is beautifully fucked up” sagte Nick Cave am gestrigen Mittwochabend lakonisch zu seiner einstigen Wahlheimat, in der mittlerweile Heldenstatus genießt. Ausverkauft ist die dortige Waldbühne, als um kurz nach 19:00 Uhr ein langes Intro das Heimspiel von ihm und den Bad Seeds einleitet.

„Get Ready For Love“ die Aufforderung, die der drahtige Mann zu Beginn ins Mikrofon schreit, als wäre er nicht gerade erst durch den Tod seines Sohnes Jethro mit einem weiteren Schicksalsschlag konfrontiert. Das Publikum ist ready, trägt den Charismatiker erstmals auf Händen und lässt sich von ihm willig auf die kommenden 2,5 Stunden einschwören.

Er und die, um Carly Paradis erweiterte und wie immer bestens aufgelegte, Band unter der Ägide von Warren Ellis legen mit „There She Goes, My Beautiful World“ gleich eine weitere Nummer vom Doppel-Album „Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus“ nach, bei dem, wie im gesamten übrigen Set, der grandiose, dreistimmige Gospelchor eine kongeniale Begleitung liefert.

Der erste vorgetragene Klassiker „From Her To Eternity“ hat seit „Der Himmel über Berlin“ nichts von seiner Intensität eingebüßt, bietet Bandchef Ellis die erste Gelegenheit, sein Instrument zu malträtieren, spielen sich die Bad Seeds im Anschluss während des sich unaufhaltsam verdichtenden „Jubilee Street“ in einen Rausch.

„Bright Horses“ bietet Gelegenheit zum Durchatmen, aus „I Need You“ spricht der Schmerz, der Nick Cave nach dem Tod seines Sohnes Arthur an den Rand der künstlerischen Kapitulation brachte. Mit Hilfe von Warren Ellis nimmt er den Faden wieder auf, ist nun nur mit ihm und den Background-Sänger*innen bei diesem Stück, danach auch für „Waiting For You“ und „Carnage“, dem Titeltrack vom gemeinsamen „Lockdown-Album“, allein auf der Bühne.

„Tupelo“, „Red Right Hand“, „The Mercy Seat“, „The Ship Song“ – Hits en bloc werden in den Ring geworfen werden und bieten dem Publikum Gelegenheit, bis in die Ränge hinauf Textsicherheit zu beweisen, währen sich der elegante Protagonist in intensiver Interaktion mit den Fans im Innenraum befindet.

Die folgen andächtig den fiebrigen Visionen des „Higgs Bosom Blues“, bei dem eine Zuschauerin einen sicher unvergesslichen Hannah-Montana-Moment erlebt.

Dem auf der Setlist zuletzt eher seltenen „City Of Refuge“ folgt „White Elefant“ von „Carnage“, mit dem der – sich bis dahin in seinen Lyrics politischen Themen eher verschließende – Nick Cave eine Mär über Autokraten im Porzellanladen verfasste.

Nach den Zugaben inklusive „Jack The Ripper“ und „Henry Lee“, bei dem Wendi Rose aus dem Chor den PJ-Harvey-Part übernahm, mit „Mermaids“ in die Nacht entlassen, fällt dem Publikum erst auf dem Heimweg auf, dass bei diesem beeindruckend zelebrierten Konzert der Live-Standard „Deanna“ ausfiel.

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