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Shearwater – The Great Awakening

„Ich habe mich hoffnungslos gefühlt und wollte keine hoffnungslose Musik machen.“ Viel hatte sich nach der letzten Shearwater-Ausgabe “Jet Plane And Oxbow” aufgestaut, was Frontmann Jonathan Meiburg zum Ende von deren ausgiebiger Live-Promotion nicht nur vor dem Hintergrund der von ihm darauf antizipierten innen- und außenpolitischen Krisen, sondern auch als Folge einer zehrenden Dekade voller Veröffentlichungen und Touren, zu dem Entschluss für ein derartig ambitioniertes Vorhaben kommen ließ.

Der Band-CEO war in den letzten Jahren rastlos, u.a. verfasste der studierter Ornithologe ein Sachbuch (Thema: seltene Greifvögel), beschäftigte sich für den New Yorker Radiosender WNYC mit Teilen des David-Bowie-Erbes und setzte mit Loma ein neues Bandprojekt aufs Gleis.

Der dort stilprägend involvierte Multiinstrumentalist Dan Duszynski ist auch auf „The Great Awakening“ neben dem Shearwater-Inventar Emily Lee an den Keyboards und Josh Halpern am Schlagzeug als Musiker und Co-Producer aktiv.

Unweit von dessen Studio schrieb Meiburg – stets die Worte des Literaten TS Eliot: Be still, and wait without hope / for hope would be hope for the wrong thing.“ vor Augen – in einem alten Van an neuen Stücken, die zwischen ihren Notenschlüsseln und Lyrics den Glauben an eine gerechte, lebenswerte Zukunft im Herzen tragen.

Nicht zuletzt getriggert von der Pandemie, die dem Begriff Hoffnung intensivierte, findet sich in der Dramaturgie dieser 11 experimentellen Kapitel kaum etwas von der Struktur des Vorgängers, erinnert wenig an die rock-energiegeladenen Arrangements, die „Jet Plane And Oxbow“ prägten.

Die aktuellen Kompositionen ähneln eher Drehbüchern, biegen auf der Reise durch melodische Labyrinthe in schroffe Klangtäler und auf stürmische Soundgipfel ab, eruptierte bereits der Opener „Highgate“ aus erhabenen Tiefgang heraus.

Dabei lauern im Albumverlauf selbst unter dichtesten schwelgerischen Streicherarrangements latente Gefahren, die sich aus Geräuschen von Feldaufnahme oder dem bedrohlichen Abstrich einer Violine nähren.

Die filigrane Rhythmik von „Xenarthran“ schichtet Tonebenen übereinander, den stoischen Lauf von „Laguna Seca“ hält auf seinem Weg keine Kakophonie auf, „Aqaba“ gleitet in Tiefen, die seit Radioheads „Amnesiac“ als erforscht gelten, spielt das „Empty Orchester“ eine opulente Breitseite, bewegt sich „Milkweed“ vor geisterhafter Kulisse.

„Wind Is Love“ bildet den Schlussakkord. Mögen alle von diesem Berührten „The Great Awakening“ erfahren.

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