Am gestrigen Freitag hieß es für die Bewohner*innen des gutbürgerlichen Leipziger Waldstraßenviertels wieder einmal, das Meißner Porzellan in der Biedermeier-Vitrine anzukleben. Kraftklub hatten zum Konzert geladen und es wäre nicht das erste Mal, dass ihre hüpfende Anhängerschaft schwankende Kronleuchter im angrenzenden Wohngebiet ausgelöst hätten, Host Felix Kummer wird auch heute nichts unversucht lassen, dieses Ereignis zu wiederholen.

Genügend Mitarbeiter*innen für dieses Vorhaben waren vor Ort. Wenn die Band in der Stadt ist, ist die Arena stets lange im Vorfeld ausverkauft, denn obwohl landesweit etablierte Business-Größen, genießen sie im Städtedreieck Chemnitz-Leipzig-Dresden einen dicken Lokalmatadoren-Bonus.

20:30 Uhr fällt der Vorhang, „In Meinem Kopf“, „Fahr Mit Mir (4×4)” – schon werden die ersten Besucher*innen von der Security geborgen, die Menge brodelt und die davon sichtlich begeisterte Band wird diesen Zustand bis zum Schluss befeuern, später feststellen, dass „Unsere Fans“ den Willen zum bedingungslosen Feiern mit ihnen im Lauf der Jahre potenziert haben.

„Wittenberg Ist Nicht Paris”, „Eure Mädchen” – es ist ordentlich Druck auf dem Kessel, Kraftklub bleiben die authentischen Jungs von nebenan, deren Frontmann sich rührig um die Gesundheit ihrer Gäste zu seinen Füßen kümmert, den Saal-Chor dirigiert und ganz ohne Starallüren den Rockgestus beherrscht.

Auf dem größten Konzert der „Kargo“-Tour wird das aktuelle Album komplett gespielt, daneben diverse Gassenhauer, die inzwischen reichlich zur Verfügung stehen. Bei deren Auswahl hilft die klassische Glücksrad-Einlage, Samia aus dem Kraftklub-Fans-Nachwuchs-Team erdreht „Irgendeine Nummer” und darf sich über das wohl exklusivste Selfie des Abends freuen.

Die neuen musikalischen Feinheiten, die den Arrangements der letzten Ausgabe anzuhören waren, verlieren sich in der Akustik der riesigen Halle, trotzdem ist „Der Zeit Bist Du Egal“, „Angst“ und dem selbstkritischen „Vierter September“ die künstlerische Weiterentwicklung von „Kargo“ anzuhören.

Für „Kein Gott, Kein Staat, Nur Du“ begrüßt Felix Mia Morgan, die zuvor als Support des Abends überzeugte, für “So Schön” kommt die Familie an Bord. Nachdem Blond sich wieder Richtung Regionalexpress nach Karl-Marx-Stadt verabschiedet haben, geht’s mitten ins Publikum, um hautnah “Kein Liebeslied und „Bei Dir“ aus dem Solowerk des Frontmanns zu performen.

Zurück auf der Main-Stage gibt es noch einmal Hitparade, ob „Schüsse In Die Luft“ oder „Chemie, Chemie Ya“ – es bleiben so wenig Wünsche an die Setlist offen, wie es nicht-durchgeschwitzte T-Shirts in den vorderen Reihen gibt.

Durch die kalte Dezemberluft auf dem Heimweg heruntergekühlt, wissen zwar alle, dass Noel nie wieder Songs für Liam schreiben wird, aber solange Kraftklub diesbezüglich für Nachschub sorgen, ist dies auch nicht zwingend notwendig.

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