Irgendwann hat man seine Professionalität erreicht. Da will man nicht mehr groß experimentieren. Da braucht es auch ein wenig Beständigkeit. Im Leben von Neil Barnes hat sich schon genug getan. Eine Krebserkrankung, eine Scheidung und letztendlich hat er auch noch zum Psychotherapeuten umgeschult. Probleme, die man eben so hat.

Gut, dass er seinem “Hobby”, der elektronischen Musik, treu geblieben ist. Gehen jetzt ein paar Scheinwerfer in der drogenumnebelten Vergangenheit an? Ja! Neil Barnes und sein damaliger Partner Paul Daley haben uns als Leftfield ab Mitte der 90er die stroboskopverblitzten Tanzböden gefüllt, mit “Phat Planet” den passenden Soundtrack zum Milleniumwechsel fabriziert, um sich dann klangheimlich aus dem Staub zu machen.

Mehr als 20 Jahre später liegt mit “This Is What We Do” das vierte Studioalbum vor. Und es hat sich nichts getan. Entweder ist Neil Barnes verbohrt in seinem Tun oder einfach nur stur. Der Sound des Albums ist immer noch ein verquerer Mix aus Techno, Wave und Punkeinflüssen, die sich als Spielwiese den Club ausgesucht haben.

Der Titeltrack klöppelt mit Beats das Trommelfell weich, um Movement-Mantras zu platzieren. Die stets ausgelebte Vorliebe für Gast-Vocalisten darf diesmal Grian Chatten von Fontaines D.C. ausfüllen. Kurzfristig mag man sich bei “Full Way Round” an die frühen The Prodigy erinnern, wenn technoide Synthies mit britisch akzentuiertem Sprechgesang durchs Gehör zappeln.

Danach grast man im Rave-Weideland bei “Making A Difference”, pitcht das Ganze mit “Accumulator”, und das bezeichnende “City Of Synths” frönt spacigen Vocodervocals und einem enervierenden Spannungsbogen.

Enervierend mag auch sein, dass Neil Barnes keinerlei Rücksicht auf das Ablaufdatum elektronischer Musik nimmt. Da wird ungeniert pulsierender Techno mit Breakbeats kombiniert ( “Pulse” und “Accumulator”) oder gleich die alte Kraftwerk-Orgel ( “Machines Like Me” ) gespielt. Ja, irgendwo ist’s dann auch ganz egal und man packt auch noch den Dudelsack bei “Heart And Soul” aus.

“Rapture 16” lässt sphärische Klänge schwer wie Nebel im Raum hängen, dazu nach Autounfall klingende, fierpende und zirpende Klänge. Das bereits angesprochene “Heart And Soul” massiert sich hingegen angenehm beats-klopfend ins Gehör und löst auch mal den dynamisch heraufbeschworenen Spannungsbogen auf.

Jeder braucht wohl Konstanten in seinem Leben. Musik ist es wohl in Neil Barnes Leben. “This Is What We Do” bringt es schon beim Titel auf den Punkt – der Zusatz “since more then 30 years” wäre dabei auch ganz passend.

Leftfield stehen für britische Synthiemusik, welche einer gewissen Krawalligkeit nicht widerstehen mag und dennoch zuhause auf der Couch genauso gut aufgehoben ist wie auf der Clubtanzfläche, die am Montag früh um 8:00 Uhr die ersten Sonnenstrahlen des Wochenendes abbekommt.

Wer sich dort wiederfindet, mag allerdings auch wieder ein Fall für Neil Barnes sein, aber in seiner Profession als Psychotherapeut.

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