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Da war schon klar, dass das sehr speziell werden wird – Grandbrothers im Interview

Mit ihrem neuen Studioalbum “Late Reflections” treiben die Grandbrothers ihr eh schon exklusives Soundschaffen endgültig auf die Spitze. Aufgenommen in den ehrwürdigen Hallen des Kölner Doms skizzieren die neuen Songs ein atmosphärisches Klangbild, das in punkto Dynamik und Intensität keine Wünsche mehr offenlässt. Kurz vor der Veröffentlichung ihres vierten Longplayers trafen wir uns mit den beiden Verantwortlichen Erol Sarp und Lukas Vogel zum Interview und sprachen über beflügelnde Momente, technische Krisen und den ultimativen künstlerischen Reiz.

MusikBlog: Erol und Lukas, lasst uns gleich zur Sache kommen. Ihr durftet als erste Künstler überhaupt in den Hallen des Kölner Doms ein Album aufnehmen. Wenn ihr an die Tage des Aufnahmeprozesses zurückdenkt, welche Gedanken schießen euch da in den Kopf?

Lukas Vogel: Das Ganze war ja ein stetiger Prozess. Zunächst stand ja “nur” das Konzert im Vordergrund. Wir haben aber damals schon gemerkt, dass das ganze Projekt ganz anders wahrgenommen wird, als alles, was wir vorher gemacht haben. Mit dem Kölner Dom im Hintergrund war da plötzlich eine unheimliche Aufmerksamkeit präsent. Die vielen Produktionsfirmen, der Fernsehsender “Arte”: Da waren schon viele Leute am Start, denen man angemerkt hat, dass hier etwas Besonderes kreiert wird. Wir haben dann irgendwann ein Klavier ausgeliehen und ein paar Sachen aufgebaut und erstmal alles wirken lassen. Das war für mich so ein Schlüsselmoment. Da war schon klar, dass das wohl sehr speziell werden wird. Da sind dann ultralange Hall-Sequenzen entstanden, die man so gar nicht kennt. Das war schon sehr euphorisierend für uns.

MusikBlog: Wird man als Künstler in solch einer speziellen Situation eher beflügelt oder macht sich da vielleicht auch ein bisschen Panik breit?

Erol Sarp: Also uns hat das eher beflügelt und angetrieben. Hinzu kam, dass wir diesmal zum ersten Mal mit wirklich klaren produktionstechnischen Eckpunkten konfrontiert waren. Wir haben ja sonst immer sehr offen und frei gearbeitet. Diesmal waren da der Kölner Dom mit seiner Geschichte, die Räumlichkeit, die einen ganz speziellen Sound entstehen ließ und eine klare Zeitvorgabe, in der alles abgearbeitet werden musste. Diese Klarheit hat den ganzen Prozess zusätzlich gepuscht.

MusikBlog: Gab es während des Produktionsprozesses auch mal Situationen oder Phasen, in denen ihr gezweifelt habt?

Lukas Vogel: Natürlich war das Ganze auch unheimlich anstrengend. Man darf ja nicht vergessen, dass der Dom feste Öffnungszeiten hat. Wir durften jeden Tag abends ab acht Uhr rein und mussten morgens um sechs wieder raus sein, inklusive Equipment. Wir haben also jeden Tag aufgebaut und wieder abgebaut. Dann ist es ja auch so, dass man nicht einfach mal so von Tag auf Nacht umschalten kann, ohne dass der Körper einem irgendwann auch mal ein paar Zeichen gibt. Aber das nimmt man dann irgendwann auch gerne in Kauf. Ein bisschen kritischer wurde es dann schon, als mir am Tag vor dem Konzert der Computer abgeschmiert ist. Da war ich dann schon ziemlich aufgeregt, weil ich wusste, am nächsten Tag sitzen da 2.000 Leute und wir werden von 11 Kameras begleitet.

Erol Sarp: Wir hatten zu Beginn des Konzerts auch eine schwere Lichtsäule, die hoch über den Altar gezogen wurde. Da hatten wir auch nochmal ein bisschen Angst, dass da bloß nichts reißt. Aber zum Glück hat alles gehalten. Die schwierigen Situationen waren da, aber nicht so schwierig, dass man irgendwie wirklich ins Zweifeln kam. Dafür gab es einfach auch viel zu viele einzigartige Momente. Manchmal standen wir nachts um drei in der Halle, während es draußen regnete. Dieser Klang, in Verbindung mit unseren Sounds, war schon ziemlich berauschend.

MusikBlog: War das ein Once-in-a-Lifetime-Projekt oder habt ihr jetzt Blut geleckt?

Erol Sarp: Wir wären jetzt grundsätzlich nicht abgeneigt, wenn nochmal jemand mit einer ähnlichen Idee auf uns zukommen würde. Aber eigentlich sieht unser Zukunftsplan, zumindest was das nächste Album nach “Late Reflections” betrifft, etwas anders aus.

MusikBlog: Wie sieht der Plan denn genau aus?

Erol Sarp: Wir befinden uns ja erst in der Ideenfindung. Wir haben auf dem letzten Album eher in die Elektro-Richtung geschielt. “Late Reflections” hingegen hat eher einen Ambient-Vibe. Mit dem nächsten Album wollen wir aber wieder mehr in die elektronische, die etwas poppigere Richtung gehen. Wir haben ja auch gerade erst die Musik für einen Film und für eine Serie abgeschlossen. Man weiß irgendwie nie, was passiert und welche Angebote vielleicht in zwei oder drei Monaten auf dem Tisch liegen.

MusikBlog: Euer Sound basiert ja einzig und allein auf dem Grundklang des Klaviers. Später im Prozess wird dieser Klang dann durch spezielle Software verändert und verfeinert. Ich finde es erstaunlich, dass man aus einem Instrument so viel rausholen kann. Auch auf dem neuen Album gibt es wieder so viele verschiedene Klang-Facetten zu entdecken. Wie macht ihr das?

Lukas Vogel: Natürlich ist es so, dass die eine Klangquelle auch eine gewisse Limitierung mit sich bringt. Aber durch die spätere Verfremdung werden nahezu unendlich viele neue Türen geöffnet. Es ist sicherlich sehr mühsam, immer wieder neue Wege zu gehen und sich mit diesem doch sehr intensiven Verfremdungsprozess zu beschäftigen. Aber für mich macht gerade das den Reiz aus. So entsteht einfach immer eine ganz eigene Soundwelt, die sich uns mit herkömmlichen Mitteln und Instrumenten so nicht erschließen würde.

MusikBlog: Ganz spezielle Musik erfordert sicherlich auch ganz spezielle Denk- und Herangehensweisen. Ihr musiziert nun schon seit über zehn Jahren zusammen. Was ist das Besondere an eurem Miteinander?

Lukas Vogel: Wenn man die Musik in den Vordergrund rückt, dann einen uns vor allem die Gegensätze. Erol ist ein Bauchmensch, einer, der immer alles positiv angeht. Ich hingegen bin eher ein Kopftyp, der alles hinterfragt und auch viel öfter zweifelt. Am Ende sind diese unterschiedlichen Ansätze dafür verantwortlich, dass das große Ganze stimmig wird. Ich denke, dass wir nicht nur voneinander profitieren, sondern auch extrem dankbar dafür sind, dass der jeweils andere genau das mit einbringt, was man selbst nicht so liefern kann. Das schweißt irgendwie zusammen.

Erol Sarp: Das Zwischenmenschliche ist natürlich auch sehr wichtig. Wir kennen uns schon seit dem Studium und hängen auch gerne abseits der Musik zusammen ab. Lukas hat mittlerweile auch eine Familie gegründet. Da fungiere ich als Patenonkel. Es ist also generell sehr eng und freundschaftlich bei uns. Dieses Fundament besteht schon sehr lange Zeit.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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