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Lucy Kruger And The Lost Boys – Live auf der MS Stubnitz, Hamburg

MS Stubnitz. Eine der tollsten Locations, die Hamburg zu bieten hat. Ehemaliges DDR Kühlschiff. Fahrtüchtig, überlebt zum Glück – trotz Lage – in der Hafencity. Das größte städtische Neubaugebiet Europas zieht finanzstarke Käufer*innen immer weiter in den Osten der Elbe. Deren Toleranz gegenüber einer über 30 Jahre alten, alternativen Kultur-Instanz ist sehr limitiert. Mussten sie aus Amsterdam nach Hamburg kommen, um zu überleben, und jetzt das.

Die zwei dunklen Stockwerke aus dickem Stahl füllen sich konstant. Publikum erstaunlich bunt gemischt. BALM beginnen den Abend. Angekündigt als „Spaziergang auf sommerlichen, gemähten Feldern“ ist die Vorfreude reduziert. Zum Glück weit gefehlt. Schleppend verzögerte Gitarre, dumpf und sofort ansprechend.

Ein leichtes Hoch aus entspanntem Gitarrensound, um sofort mit eintönig stumpfem Bass zu kontern. Unmerklich langsam ziehen die Drei von BALM den Pegel geradlinig nach oben. Konstantes Plätzchen-wechsel-Dich. Offensichtlich spielen alle drei alle Instrumente. Selten guter und vor allem gut passend ausgewählter Support-Act.

Und dann Lucy Kruger & The Lost Boys. Die Lost Boys sind eher zwei Frauen und zwei Boys. Ist aber egal. Lucy selber der klare Fokus zum Start. Wie eine Rattenfängerin steht sie ganz vorne an der Bühne über den Dingen. Dabei summt sie, bis sich das Publikum wirklich im Venue im Untergeschoss und vor der Bühne eingefunden hat.

Offensichtlich sind schwarze, oversized Sakkos gerade sehr in Mode in dieser Musik-Szene. „Come into my room…“ Leise, hypnotisch, Lucys Wille ist Programm.

„Auditorium“. Auf der Platte ruhig und fesselnd in den Bann ziehend. Auf der Bühne ein entfesselt rollendes Gewitter. Donnergrollen ohne Luftholen. Lucy immer ganz vorne, Tanz oder schmerzhafte Verrenkung? Auf alle Fälle immer in Bewegung.

Ihre Stimme zieht in den Bann und verstört zugleich. Zuckende Bewegungen mit dem Sakko erinnern an eine Fledermaus. Das zweite Stück und die Intensität hat ein Level erreicht, den viele Bands oft bis zum Ende ihres Gigs nicht erreichen.

„Stereoscope“ leitet energetisch über zu „Risk“. Über verhaltenem Zerren haucht Lucy aus 50 cm Entfernung ins Mikro. Der Sound auf der Stubnitz wohl doch nicht per se matschig. Jedes Wort glasklar verständlich, unabhängig vom Lärm-Pegel. Wieder treten die Drums knochentrocken in den Bauch, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

„Ghost“ treibt arrhythmisch, ohne wirklich schneller zu werden. Wieder in die Gegenwart, „Heaving“ leitet über zu „Tender“. Eines der Highlights. So atemlos wie verstört ab der ersten hundertstel Sekunde. Die Geige eskaliert das erste Mal von lieblich zu Noise. Noch nicht oft so etwas erlebt.

Nächste positive Überraschung etwas später „Half Of A Woman“. Vergessen alle liebliche Harmonie. Eine Hand unbeweglich gen Himmel gereckt. Die andere schlägt fast ohne Bewegung ohne Rücksicht auf Verluste die Pauke. Lucys Blick dabei sehnsüchtig in die Ferne gerichtet oder brennt er Löcher in den zentimeterdicken Stahl des Schiffs?

Liù Mottes an der Gitarre unscheinbar im Hintergrund. Wenn man nicht genau hinschaut. Zärtlich geklopft, geschlagen, gestrichen, geschüttelt. Beeindruckend, was das Instrument hergeben kann.

Kurz vor Ende schwankt „Howl“ zwischen Selbstgespräch und verzweifeltem Schreien, bevor Lucy Kruger & The Lost Boys mit „Burning Building“ einen denkwürdigen Abschluss bieten. „Hey Girl, let’s go!“. Pointiert, aufmunternd und irgendwo aus den 60ern. Dichter Noise mit unendlicher Energie wechselt sich ab mit musikalischer Hoffnung, untermalt von Lucys Gestik. „I’m watching the world from a burning building. It’s the only home I know”. Gänsehaut pur.

Als Zugabe ein brandneuer Track “Anchor“. Erstaunlich lebensbejahend. Vielleicht müssen wir  uns doch nicht euphorisch in der Elbe ertränken. Auch wenn das ein würdiger Abschluss für die Stimmung des Abends gewesen wäre.

Das Spiel mit Dichte, Noise und Reduktion hallt nach. Art-Noise-Pop? Den Pop haben wir nicht gehört.  Nicht nur toll zu hören, ein Vergnügen zuzusehen, wie Lucy Kruger & The Lost Boys solch einen klaustrophobisch befreienden Sound erzeugen. Ebenso sprengt Lucy Kruger als Persönlichkeit auf der Bühne das Gewöhnliche um Längen.

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