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Nichtseattle – Haus

Nichtseattle ist jetzt eine Band. Besser ausgedrückt, hat Katharina Kollmann jetzt so viele Menschen ihres Vertrauens um sich versammelt, dass der instrumentale Unterbau ihrer neuen Stücke ein Upgrade auf Bandgröße erhielt.

Der authentische LoFi-Charme, mit dem sich die Berlinerin auf den Vorgängern „Wendekind“ und „Kommunistenlibido“ in die Herzen spielte, bleibt auf „Haus“ erhalten, nur sind neben der spartanischen Gitarre, dem Flügelhorn und gelegentlichen Drums die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten größer geworden, womit ihre Lieder an vielen Stellen charmant an Volumen zulegen.

Der Einsteiger knüpft an Bewährtes an, das 8-minütige Epos „Beluga (Eigentumswohnung)“ erzählt mit rauen Saiten und mehrstimmigem Gesang von der Selbstgefälligkeit political-correctness-konformen Verhaltens, auf dessen oft instabilen Fundament eben kein „Haus“ im Sinne eines Ortes, an dem man sich auf Dauer gut aufgehoben und verstanden fühlt, entstehen kann.

Dieses imaginäre Dach über dem Kopf zieht sich durch die ganze Platte, von Schirmpilz bis Fahrgastunterstand erhielt jeder Titel seinen thematischen Beinamen, symbolisch eine temporäre Bedachung für Gedanken und Gefühle, den Moment des Ausruhens im Dauer-Stresstest zwischen Ego und Zeitgeist.

So dreht sich viel, wie ganz leise über den Bass von „Treskowallee (Zelt)“ gesprochen, um ankommen und angenommen werden, via „Schikane (Plattenbauwohnung Q59)“ erzählt Katharina Kollmann einmal mehr analytisch davon, dass dies bei aller Komplexität und Unergründlichkeit von Beziehungen im Kontext des soziokulturellen Umfeldes grandios scheitern kann.

Ihre unsentimentale Lyrik geht in der neuen akustische Grundierung auf, im spröde-poppigen „Krümel Noch Da (Tagescafé)“ generieren Bass und Schlagzeug neben Bläsern Harmonien die sich in Melancholie ergießen, eine, in der „Unterstand (Schirmpilz)“ so mitreißend schwelgt, wie „Heiterprofan (Proberaum)“ und „Keinen Kaffee (Türrahmen)“ von Text bis Ton feine Indie-Hits abgeben.

Am Ende der 12 Kapitel bleibt die nüchterne Erkenntnis: wie „Fleißig (Schloss)“ man sich um das gelingende Leben auch bemühen mag: den Fuß dort in dessen Tür zu bekommen, scheint ein randomisierter Vorgang, für den Nichtseattle den treffenden Soundtrack liefert.

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