Laibach haben gestern zusammen mit der Folk-Rock-Band Bijelo Dugme ihre neue Single „Die Kanone“ veröffentlicht. Es handelt sich um eine deutsche Version von Bijelo Dugmes Song „Top“ aus dem Jahr 1974 – einem Stück, das die beiden Bands bereits 2024 gemeinsam auf Slowenisch neu interpretiert hatten.
Das Zusammentreffen hätte kaum unwahrscheinlicher sein können: Laibach, die slowenischen Virtuos*innen der provokativen Symbolik, treffen auf Bijelo Dugme, die populärste Folk-Rock-Band des ehemaligen Jugoslawiens. Was dabei herauskommt, ist ein faszinierender Mash-Up zweier Gruppen, die einst als völlig unvereinbar galten – sowohl soundtechnisch als auch philosophisch.
Goran Bregović, der kreative Kopf hinter Bijelo Dugme, hatte zum 50-jährigen Bandbestehen eine verrückte Idee: Warum nicht die industriellen Klangwelten von Laibach mit seinem Folk-Rock-Erbe verschmelzen?
Das Ergebnis verbindet Jugo-Nostalgie und postindustrielles Unbehagen gleichermaßen, während sich martialische Rhythmen und derbe Gitarrenriffs überlagern. Klingt nach einem Experiment, das schiefgehen könnte – tut es aber nicht.
Die ins Deutsche übertragenen Lyrics von „Die Kanone“ spielen geschickt mit balkanischen Männlichkeits-Klischees: Ein Protagonist versucht, mit einer Kanone das Objekt seiner Begierde zu erobern. Dahinter steckt jedoch mehr als platte Symbolik.
Laibach reflektieren hier Identität, ex-jugoslawische Diaspora und Militarismus, wobei sie nicht zuletzt den aktuellen Übergang deutscher Industrieproduktion von der Automobil- zu der Waffenindustrie beleuchten.
Der neue Track folgt auf eine Reihe von Single-Veröffentlichungen – darunter ihre Interpretation von Foreigners „I Want To Know What Love Is“ und dem von Billie Holiday unsterblich gemachten Titel „Strange Fruit“ – sowie Laibachs aktuelles Album „Alamut“ (2025).
Das Album beweist Laibachs symphonische Dimension: Ein Originalwerk, aufgeführt von der Band selbst und dem RTV Slovenia Symphony Orchestra, dem Human-Voice Ensemble aus Teheran, dem Gallina Women’s Choir und AccordiOna, einem Akkordeonorchester für Frauen, unter der Leitung des iranischen Dirigenten Navid Goharib. MusikBlog schrieb zu dem Album im Review: „Die bearbeitete Grundlage (…) ist zwar regional verortet, im aktuellen Kontext international präsenter denn je“.
Seit 1980 provoziert das nach dem deutschen Namen Ljubljanas benannte Kollektiv mit politischen Reflexionen und gewagter Symbolik. Auch nach über vier Jahrzehnten haben Laibach nichts von ihrer Experimentierfreude verloren. Mit „Die Kanone“ liefern sie den Beweis, dass Grenzüberschreitungen und unerwartete Kooperationen noch immer zu den spannendsten Momenten der Musikgeschichte gehören können.
