Ein Alabaster ist ein marmorfarbenes Gips-Gestein. Bedeutsam ist er für Kunst-Skulpturen und Schmuck, nun heißt ein Lied so: Flyte aus London haben sich dafür mit Aimee Mann zusammen getan, die einst bei der Bostoner Band ‚Til Tuesday sang und Bass spielte und deren betörende Intonation auch im Song „Alabaster“, dem zweiten auf  dem neuen Album „Between You And Me“ unverkennbar ist.

Das Lied handele von „einer Fantasie-Affäre inmitten des Weltuntergangs“, gibt Sänger Will Taylor, die eine Hälfte von Flyte, dazu als Einordnung. Der Song ging dem neuen Longplayer voran. Wie es der Albumtitel sagt, geht es darauf um zwischenmenschliche Beziehungen.

Etliche Liedtitel verraten das, „I Just Can’t Believe That We’re Friends“ heißt es folgerichtig in einem glasklaren Lied voller Anmut, zu Akustikgitarre und E-Orgel. Das Stück markiert thematisch das Gegenteil zum letzten Longplayer, die einfach „Flyte“ betitelt war und Wills Ex-Beziehung zur Sängerin Billie Marten und den Trennungsvorgang aufarbeitete.

In „I Just Can’t Believe That We’re Friends“ geht es jetzt hingegen darum, erstaunt festzustellen, dass man sich schon ein Jahr lang kennt, und um den glücklichen Zufall, überhaupt einander gefunden zu haben.

Statt wie 2023 in die Konk-Studios, die The Kinks einst in London-Tottenham gründeten, zog das verbliebene Duo Will Taylor und Nick Hill diesmal aufs Land ins Studio des Folk-Produktions-Fachmanns Ethan Johns. Mit ihm nahmen sie von jedem Track jeweils einen Take auf und behielten diesen, ohne Oberdubs. Unbeabsichtigte Momente, bei denen mal ein Sich-Einsummen mit stehen blieb, machen das Resultat umso authentischer. Es entstand ein Flair von Home-Recording.

Einsamkeit und die Suche nach physischer Nähe sind die Motive im schlichten „Cold Side Of The Pillow“, das bis aufs Outro nur mit Gitarre, Gesang und einer verzaubernden Melodie existiert. So wenig reicht völlig aus.

Denn Flyte benötigen nicht viel, um effektiv mitzuteilen, was sie zum Ausdruck bringen wollen. Nach eigener Aussage gegenüber dem Magazin Luna Collective hätten beide Musiker in den letzten Jahren einiges im familiären Bereich durchgemacht und knüpfen daran an.

Das Album kondensiert das alles quasi, presst es zusammen auf die essenziellen Erkenntnisse und Gefühle, die davon übrig bleiben. Fehlendes Glück gehört dazu, wie das geradlinige „If You Can’t Be Happy“ klar macht. Hier fokussieren sich Flyte darauf, wie man darunter leidet, wenn das Gegenüber bohrende Selbstzweifel hat und meint, perfekt und makellos sein zu müssen.

In ein ähnliches Horn stößt „I’m So Down“ mit einer Absage an Leute, die sich allen anpassen und es jedem Recht machen wollen.

Wie sehr die beiden dabei auf ihrem vierten Studioalbum bereit sind, konsequent selbst unperfekt aufzutreten, fesselt. Hier stehen die Details, Worte, Schwingungen in der Stimme, oder auch die Härte und Intensität, mit der die Gitarren angeschlagen werden, im Mittelpunkt.

Die beiden Mittdreißiger kümmern sich mit voller Hingabe ums pure Folk-Storytelling, das Ganze mit ausgeprägter Eingängigkeit und harmonischer Wärme. In ein paar Momenten ist es dabei wirklich kaum machbar, nicht an Simon & Garfunkel oder an deren Erben Turin Brakes, Kings Of Convenience oder Bright Eyes zu denken.

Flyte gehen aber viel radikaler, reduzierter zu Werke. Ihr Verfahren lutscht sich zwar auf Albumlänge nicht grundsätzlich aus, sofern man Pausen beim Hören einlegt. 36 Minuten am Stück gelauscht, erscheint die Platte dann aber doch zu beschaulich und farblos. Es kommt also wohl sehr auf die Hörsituation, wie viel sich der Scheibe abgewinnen lässt.

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