In der Zeit der Pandemie war es üblich, dass Musiker*innen sich Tondateien zuschickten, um die individuell bearbeiteten Versionen später zusammenzufügen. Für múm wäre dieses Vorgehen keine Herausforderung gewesen, denn distanz-basiertes Arbeiten war für die Band aus Reykjavik – die ihr Referenzwerk „Finally We Are No One“ noch gemeinsam in einem Leuchtturm einspielten – schon früh gängige Praxis.
Bei den Isländern herrschte allerdings – abgesehen von der Live-Platte „Menschen Am Sonntag“ – seit dem 2013er Album „Smilewound“ Funkstille, nun gibt es Neues vom Ensemble um den aus Gunnar Örn Tynes und Örvar Smárason bestehenden Kern des Kollektivs, das auf seinem siebten Studioalbum „History Of Silence“ gewohnt innovativ wie unvorhersehbar bleibt.
Über zwei Jahre hinweg entstanden acht Tracks, die analoge und elektronische Komponenten verknüpfen, bruchstückhaftes in ein Ganzes einbinden, tonale Eindrücke aus den verschiedensten Aufenthaltsorten der Besetzung enthalten, die Tiefen des Klangraumes ausloten, fragile Harmonien vor dem Schritt in eine exponierte Lage bewahren.
Ohne dem Albumtitel „History Of Silence“ Folge zu leisten, entwickelt sich für „Miss You Dance“ aus der fragmentierten Grundierung ein lichtdurchflutetes Arrangement; neben einem Klavier, das wie zu Besuch vorbeikommt, haben Streicher opulente Momente zum mehrstimmigen Gesang
„Kill The Light“ trägt die Schwere der gegenwärtigen globalen Gemengelage in sich, beginnt wie ein Elfentanz, der in einer sich aufbäumender Dramaturgie zerfällt, wieder zusammen findet; sich das Stück sich bis zum letzten Tastendruck vom Pulsschlag des Bass nährt, der zwischenzeitlich die Marschrichtung vorgibt.
„Mild At Heart“ präsentiert sich mit melodischer Geschlossenheit, über die Aussage „Only Songbirds Have A Sweet Tooth“ kann diskutiert werden, weniger, dass diese Nummer ihre Faszination aus der Konstanz im Inkonstanten zieht, während das sphärische „Our Love Is Distorting“ aus Feedbackgeräuschen und digitalen Flackern heraus zum heftigen Flirt mit dem Dream-Pop ansetzt.
Wenn sich „History Of Silence“ mit melancholischen Cello-Strichen per „I Like To Shake“ verabschiedet, bleiben die Attribute faszinierend, zeitlos und fesselnd auch nach Jahren der Abwesenheit für die Musik von múm uneingeschränkt gültig.
