Die Parkbühne im Leipziger Clara-Zetkin-Park wurde am gestrigen, lauen Septemberabend zum Amphitheater der deutschen Befindlichkeiten. Tocotronic, die melancholischen Chronisten einer Generation zwischen Weltschmerz und digitaler Überforderung, hatten sich für Leipzig etwas ganz Besonderes ausgedacht.
Nach der Vorband Frau Lehmann, die das Publikum bereits warmgespielt hatte, entfalteten Tocotronic ihre musikalische Zeitreise. Als die ersten orchestralen Töne von Sergei Prokofjev’s „Tanz Der Ritter“ durch die Abenddämmerung schwebten, ahnte man bereits: Hier ereignet sich ein ungewöhnliches Konzert.
Doch bevor die große Gefühlsmaschine anlief, stockte der Apparat. Dirk von Lowtzow kämpfte bereits beim zweiten Song „Bleib am Leben“ mehrere zermürbende Minuten mit seiner verstimmten Gitarre. Der Frontmann drehte und schraubte, verzweifelte an den Wirbeln – bis er schließlich entnervt aufgab und das störrische Instrument nach hinten zum Gitarren-Techniker brachte. Eine Stimme aus der Menge rief: „Es wäre jetzt Zeit für den Bass!“. Ausgerechnet die Band, die einst „Digital Ist Besser“ proklamierte, scheiterte an analoger Mechanik.
Die Hamburger Veteranen haben sich seit ihren Anfangstagen der 90er Jahre gewandelt: Wo früher ironische Slogans und Lo-Fi-Charme dominierten, steht heute eine reife Band, die ihre Neurosen in komplexe Soundlandschaften übersetzt.
Als Tocotronic „Aber Hier Leben, Nein Danke“ intonierten, nickten hunderte Köpfe verständnisvoll – als würde die Band das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf vier Minuten Pop-Song komprimieren. „Ich Hasse Es Hier“ entwickelte sich später zum emotionalen Höhepunkt und gemeinsamen Therapiesession-Moment unter freiem Himmel.
Besonders berührend wurde es bei „Bye Bye Berlin“. In Leipzig gespielt, bekam der Song eine besondere historische Resonanz – als würde die deutsche Teilungsgeschichte noch einmal durch die Verstärker hallen. Die Band versteht es nach wie vor meisterhaft, ihre persönlichen Befindlichkeiten in universelle Statements zu verwandeln.
Die drei Zugaben wurden zur triumphalen Selbstvergewisserung: „This Boy Is Tocotronic“ als kollektive Identitätsfindung, „Die Welt Kann Mich Nicht Mehr Verstehen“ als Generationenerklärung. Die zweite Zugabe „Explosion“ vom 2007er Album „Kapitulation“ ging nahtlos in ein Cover von Ingrid Cavens „Die großen weißen Vögel“ von 1979 über.
Den krönenden Abschluss bildete „Freiburg“, das in Albert Aylers „Music Is The Healing Force Of The Universe“ überging – ein Geniestreich, der zeigte, dass Tocotronic ihre Musik als universelle Sprache zwischen deutschem Indie und internationalem Free Jazz verstehen.
Nach über zwei Stunden war klar: Tocotronic haben nicht nur ihre „Golden Years“ gefunden, sie leben sie auch. Eine Band, die bewiesen hat, dass deutsche Popmusik auch im reifen Alter noch überraschen kann – mit klassischen Intros, jazzigen Outros und der ewigen Frage nach dem Sinn des Ganzen.







