Der berühmte 80er-Hit „Smalltown Boy“ von Bronski Beat, live gespielt im Louvre vor antiken Skulpturen? Wer glaubt, dass dies nicht äußerst stimmig sein könnte, sollte sich mit Birds On A Wire beschäftigen, die mit „Nuées Ardentes“ nun ihr drittes Album vorlegen.
Hinter Birds On A Wire verbergen sich die französisch-amerikanische Sängern Rosemary Standley sowie die französisch-brasilianische Cellistin Dominique Pinto a.k.a. Dom la Nena, die sich 2011 zusammen taten, um neue musikalische Brücken zu schlagen.
Schon in ihrem selbstbetitelten Debütalbum von 2014 kombinierte das Duo Altes und Neues und verwandelte Pop in Klassik. Mit zunehmendem Erfolg, so dass selbst der altehrwürdige Louvre den beiden kürzlich die Tore für ein exklusives Konzert öffnete.
Mit ihrem Bandnamen nehmen die zwei Künstlerinnen Bezug auf keinen geringeren als Leonard Cohen, der Ende der 60er mit Songs wie „Suzanne“ oder „Bird On A Wire“ eine einzigartige Mischform aus Folk-Musik und Literatur kreierte.
Ähnlich virtuos überwinden auch Standley und Pinto jegliche Genregrenzen, wenn sie etwa den Song „Smalltown Boy“ seiner charakteristischen Synthies und Drums entledigen und es stattdessen einem Kinderchor und dem von Dom la Nena hingebungsvoll gespielten Cello überlassen, den Takt vorzugeben.
So erhalten Birds On A Wire einerseits die dem Pop innewohnende Eingängigkeit und Kraft, erweitern diese andererseits um die Erhabenheit und Größe klassischer Musik. Im Zentrum steht bei all dem die starke, das Auditorium in den Bann ziehende Stimme Rosemary Standleys.
Neben Adaptionen bekannter Stücke aus der Geschichte der Popmusik – hier sei vor allem auf die Variation des The-Doors-Klassikers „People Are Strange“ hingewiesen – führen uns Birds On A Wire aber auch in ganz andere Gefilde, so etwa mit „Augellin“ ins Italien des 17. Jahrhunderts.
Epochengrenzen und Sprachbarrieren überspringen die beiden Musikerinnen leichtfüßig. Und am Ende bekommen auch die Hörenden das Gefühl, jeglicher Festlegung auf Zeit und Raum entbunden zu sein. Vom Klang eines Cellos getragen, entschweben wir der Gegenwart.
Dieses musikalisch erzeugte Gefühl der Entfremdung korrespondiert auch mit den Texten der ausgewählten Lieder. Ob Bronski Beat einst von der Einsamkeit sangen oder Jim Morrison die Seltsamkeit der Leute beklagte, am Ende war und ist es die Musik, die Geborgenheit und Heimat verspricht.
Mit „Nuées Ardentes“ nehmen uns Birds On A Wire mit auf eine abenteuerliche Reise. Die Gesetze der Zeitlichkeit scheinen ausgehebelt – und „Smalltown Boy“ verschmilzt mit der im Louvre ausgestellten Venus von Milo zu einem überzeitlichen Kunstwerk.
