Disco-Funk-Revivals passieren, wenn Samples und Coverversionen an die große Zeit des Genres 1977 bis 79 erinnern oder wenn Akteure von damals wieder eine große Rolle spielen. Nachhaltigen Einfluss darauf verbindet man heute weitaus weniger mit Ereignissen im einstigen Disco-Epizentrum New York City und erst allmählich mit Say She She, die diese Woche ihr neues Album „Cut & Rewind“ veröffentlichen.

Impulse in der Retro-Welle setzten in den letzten Jahren Mark Ronson, die Zusammenarbeit von Nile Rodgers mit den Franzosen Daft Punk, Felix Jaehns Version von Chaka Khans „Ain’t Nobody“, die englische Künstlerin Jessie Ware und die überaus beliebten Jungle. Eine sehr wichtige Initialzündung für diese ganze Rolle rückwärts ist aber wohl den Psychedelic-Poppern MGMT und ihrem „Electric Feel“ 2008 zuzurechnen.

Nachdem sich der typische Klang der Big Apple Studio 54 Tanzflächen immer wieder in auswärtige Produktionen schmuggelte, trifft es sich gut, dass Nya Gazelle Brown, Sabrina Mileo Cunningham und Piya Malik von Say She She direkt aus Brooklyn stammen. Dort fällt es ihnen offenkundig leicht, das Erbe von Chic und Sister Sledge anzutreten, den ikonischen Gruppen des legendären Produzenten-Paars Nile Rodgers und Bernard Edwards.

Auf „Cut & Rewind“ drehen die Drei den Spieß der Disco-Ära um. Nicht die Gentlemen unter den Instrumentalisten schreiben den singenden Ladies die Lieder auf den Leib, auf dass diese sie als Aushängeschilder ausführen würden, sondern es läuft umgekehrt:

Das Trio setzt sich von vornherein mit Produzent und Wah-Wah-Gitarrist Sergio Rios, mit Bassist Dale Jennings, Keyboarder Daniel Hastie und Schlagzeuger Sam Halterman zusammen, um die Gefühle auszudrücken, die den drei Sängerinnen für ihre kleinen stimmungsvollen Geschichten vorschweben.

Ohrwürmer wie „He’s The Greatest Dancer“ von Sister Sledge hallen in Stimmung, Aufbau und Rhythmus von „She Who Dares“ wider. Trotzdem fabrizieren Say She She keinen Abklatsch, sondern ihr eigenes Ding.

Dazu gehören noch weitere Einflüsse, nehme man etwa New Orders „Blue Monday“, wie es im Intro von „Shop Boy“ anklingt. Insbesondere das, was unmittelbar vor und nach der ersten Disco-Welle geschah, zum Beispiel die hypnotischen Soul-Gesänge Minnie Ripertons zuvor oder der Electro-Funk James Mtumes wandern ins fluffige Gesamtkonzept hinein.

Mit den Songs „Disco Life“ und „Possibilities“ kommen die New Yorkerinnen dann auch wiederum solch großen MGMT-Hymnen wie „Kids“ stilistisch nahe. Denn der Clou ihrer besonderen Rezeptur ruht im Verschmelzen von Psychedelic und Disco.

Daher trifft der selbst formulierte Genre-Begriff ‚Discodelic‘ den Nagel auf den Kopf. Zum entscheidenden Sound gehört es auch, dass Sergio Rios die Gitarre mitunter in einer harten, Afrobeat-Technik schneidender Akkorde knallen lässt, andererseits aber auch die weiche Textur und Entspanntheit von Yacht-Rock ihren Platz findet.

Der Nachteil des Say She She Strickmusters zeigt sich bei zwei Tracks, die allzu sehr mit den Hörer*innen knutschen wollen und in ihrer Anbindung an bestehende beliebte Versatzstücke berechenbar gerät: Im Tiefpunkt „She Who Dares“ treffen Klischees aus Lounge-Jazz, Oberflächen-Funk und blumig-lieblichen Gesängen auf mittelklassige Dröhn-Loops, die Manfred Mann vor 50 Jahren schon hundertmal besser gebaut hat.

Zwei fragwürdige Stücke bei insgesamt 12 fallen allerdings kaum ins Gewicht. Was viel wesentlicher ist: Wie das mitreißende „Do All Things With Love“ eindrucksvoll demonstriert, haben Say She She enorme Fähigkeiten im Sopran- und Mezzosopran-Gesang, mit denen sie wirklich ‚flashen‘ und fesseln können.

Schreibe einen Kommentar

Das könnte dir auch gefallen

Video

Snail Mail – Dead End – Neues Video

Album

The Paper Kites – If You Go There, I Hope You Find It

Konzert

Anja Huwe (Xmal Deutschland) – Live in der Moritzbastei, Leipzig

Login

Werde MusikBlog-Mitglied!

Werde MusikBlog-Fan-Mitglied und du kannst Alben als Favorit markieren und deine eigenen Jahres-Charts erstellen.

Erlaube Benachrichtigungen OK Nein, danke